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23.10.2001 Karlchens Einwurf

Karlchen: Schwarz-weiße Geheimnisse

Was macht eigentlich einen guten Handballer aus? Es reicht ja nicht einfach nur groß zu sein und kräftig zulangen zu können. Dann wäre mein Kumpel Sascha mit seinen 2,10 Meter und etwa 135 Kilo sicher erste Wahl. Doch irgendwie habe ich den Verdacht, daß Ljubomir Vranjes mit seinen 1,68 Meter sogar höher springt, als der erdenschwere Sascha. Kraft allein kann es ja auch nicht sein. Beim Herumstöbern in alten Zeitungsartikeln las ich einen Satz von Camilla Wislander aus dem Jahre 1990 über die Torwürfe von ihrem Max: "Das sind überhaupt keine Würfe, das ist ja Fangball." Trotzdem hat er mehr als 1200 Tore allein für die Zebras geworfen, meist mit einem feinen Lächeln im Gesicht und durch die "Hosenträger" der staunenden Gegner.
Also keine Kraft - dann vielleicht irgendwelche besonderen Veränderungen am Körper, mit denen die Träger ein geheimes magisches Ritual heraufbeschwören. Ich denke da an die zerstochenen Ohrläppchen und Augenbrauen von Stefan Kretzschmar oder die himbeerrot gefärbten Haare des Göppingers Bruno Souza. Aber ehrlich gesagt, daß kann es auch nicht sein, denn sonst hätten sie nicht schon so häufig in dieser Saison verloren. Wahrscheinlicher erscheint es mir da, daß der Wille eine große Bedeutung hat. "Der Wille öffnet die Türen zum Erfolg!", meinte der große Mediziner Louis Pasteur. Warum allerdings gerade eine Whiskeyfirma damit Reklame macht, ist mir schleierhaft. Mich jedenfalls macht Alkohol eher willenlos. Zumindest ist der Wille da angesiedelt, wo letztlich ein Handballspiel wohl entschieden wird und zwar mit dem gefährlichsten Organ des Menschen: dem Kopf.

Ich lese gerade ein wunderbares Buch, Ian Guilluos "Die Frauen von Götaland". Trotz des im Deutschen hirnrissigen Titels (die korrekte Übersetzung aus dem schwedischen heißt etwa "Wege nach Jerusalem") ist es eine grandiose Saga über einen jungen schwedischen Ritter des 12. Jahrhunderts. Sehr lebendig und historisch genau geschrieben. In dem Roman bekommt der junge Arn Magnusson in einem Kloster Unterricht im Umgang mit Schwert und Bogen. Ihm wird beigebracht, daß die Bewegungen der Hand und die Kraft des Gedankens miteinander im Gleichgewicht stehen müssen. Und vielleicht ist das ja auch ein Grundgedanke beim erfolgreichen Handballspiel. Der Verstand und der Körper spielen gemeinsam in kontrollierter Leidenschaft, wenn das klappt behält ein Spieler auch die Übersicht, wenn er während eines Sprungwurfs geschubst wird.

Man kann eben herrlich aus Büchern, diesen Gärten, die man in der Tasche tragen kann (arabisches Sprichwort), lernen. Vor allem wenn Zebras darin grasen. Aber vielleicht gibt es nur eine wirkliche Erklärung. Der Volksmund sagt: "Man kann die Klugheit eines klugen Mannes übernehmen, aber nicht die Weisheit eines Weisen". Letztlich bleibt da wohl ein Geheimnis, daß jeder gute Handballspieler mit sich trägt und mir sind die schwarz-weißen Geheimnisse am liebsten.


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