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14.-30.01.2012 - Letzte Aktualisierung: 30.01.2012 EM 2012

Kieler Nachrichten: EM-Tagebuch

KN-Redakteur Wolf Paarmann berichtet aus Serbien

Update #13 Update vom 30.01.

Für die Kieler Nachrichten berichtet Redakteur Wolf Paarmann von der Handball-Europameisterschaft in Serbien. Täglich berichtet er in seinem EM-Tagebuch "Dnevnik" von den kontinentalen Titelkämpfen.
Aus den Kieler Nachrichten vom 14.01.2012:
Erste Fehler
Was sich wie eine Weltreise anfühlt, ist tatsächlich keine. Eine Flugstunde nach Wien, eine nach Belgrad. Mit dem Shuttlebus in einer Viertelstunde für 250 Dinar (rund 2,50 Euro) ins Zentrum. Keine Zeitverschiebung, kein Winter - die Ankunft in der serbischen Hauptstadt ist eine gewöhnliche. Die deutsche Mannschaft spielt ihre Vorrunde im 250 km entfernten Nis ("Nisch"), einer 200 000-Einwohner-Stadt im Süden. Vor einigen Wochen hatte der THW Kiel in der Champions League in Belgrad gespielt. Ein Spiel, das ich nutzte, um mir ein EM-Quartier zu suchen. Nach Nis fuhr ich damals mit der Bahn, zum Schnäppchenpreis von acht Euro - keine gute Idee. Der angekündigte Schnellzug mit Speisewagen war kurzfristig ausgefallen, gespeist wurde im Ersatz-Bummelzug dennoch: Drei ältere Herrschaften zerschnitten in meinem Abteil Äpfel in mundgerechte Stücke. Die übermotivierte Heizung verwandelte den schmuddeligen Raum in eine Sauna, und die Stationen blieben eine Überraschung, weil sie nie angesagt wurden. Die Fahrt nach Nis dauerte seinerzeit fünf Stunden, zwei mehr als geplant. Diesen Fehler wollte ich nicht wiederholen und setzte mich diesmal in den Bus. Auch ein Fehler. Aber ein kleinerer. Dazu mehr im nächsten Tagebuch oder "Dnevnik", wie der Serbe es nennt.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 14.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 16.01.2012:

40 Grad im Raucherbus
Was sollte passieren? Die Aufschrift "Nis-Ekspres" auf dem betagten Bus klang verheißungsvoll. Zudem sollte die Straße ins 250 Kilometer entfernte Nis, im Gegensatz zu vielen anderen, in gutem Zustand sein. Der Bahnhof war mit Drehkreuzen abgeriegelt, auf den Parkplatz kam nur, wer ein Ticket (knapp 13 Euro) besaß. Meines hatte die Nummer 30. Abgesehen von der Schlagermusik sind Busreisen in Serbien, so der erste Eindruck, übertrieben deutsch organisiert. Tatsächlich gab es im Bus aber keine Platznummern und die Zahl der Reisenden überschritt bald die der Sitze.

Knapp fünf Stunden sollte die Tour dauern. Weil die Heizung auf Hochtouren arbeitete, pendelte sich die Temperatur schnell bei gefühlten 40 Grad ein. Und weil dem Bus die Toilette fehlte, war Trinken keine Lösung. Zwar hielt der Bus immer wieder abseits der Autobahn in entlegenen Dörfern an. Bei den Blitz-Stopps auf knastmäßig abgeriegelten Bahnhöfen konnte aber nur ein anderes Bedürfnis gestillt werden, das in Serbien offenbar ein alltägliches ist - Rauchen.

Kein Serbe trank, und wir fünf Deutschen lernten schnell. Gelegentlich hielt der Bus überraschend auf dem Standstreifen, um Passagiere zu entlassen. Einmal stiegen aus dem Nichts zwei bullige Kontrolleure zu. Lustig, schließlich dürfte angesichts der Sicherheitsmaßnahmen das Schwarzfahren in einem serbischen Bus so schwierig sein wie die Flucht aus einem deutschen Gefängnis. Die Tortur endete allerdings mit Feuerwerk: Da hier das neue Jahr erst am 14. Januar beginnt, wurden wir von einer fröhlichen Stadt in Silvester-Stimmung empfangen.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 16.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 17.01.2012:

Schlaf im Sanatorium
Mit einem Hamburger Kollegen habe ich mich in Nis in einem netten Hostel einquartiert, in dem die elf anderen Zimmer an mazedonische Fans vermietet worden sind. Sie bestimmen hier das Stadtbild, in dem weitere Hinweise auf das Turnier fehlen. Es gab einmal einen aufgeblasenen Handball, aus dem ein verwirrter 56-Jähriger mit 56 Messerstichen die Luft herausgelassen hat. Auf dem "Platz der Republik" steht ein verwaistes Tor mit zerfetztem Netz, das nachts von Partygängern verschoben wird. So bleiben die Polizeieskorten, die stets mit Blaulicht und Hupkonzert die Mannschaftsbusse zur Halle geleiten. Ohne die mazedonischen Fans gäbe es keine EM-Stimmung. Eine schlaflose Nacht ist ein Preis, den wir dafür gerne bezahlen.

Nicht alle hatten bei ihrer Quartiersuche Glück, denn Nis ist wegen der mazedonischen Invasion völlig ausgebucht. So musste ein Kollege gar in ein abgelegenes Sanatorium ausweichen, mit Alarmknopf und Rollstuhl an der Zimmertür. Zudem sind die Preise explodiert. Kostete ein Bett hier vor dem Turnier knapp 30 Euro, sind jetzt 80 Euro fällig. Unser kleines Hostel hat der EM-Wucher dagegen nicht gefunden. Wir zahlen für unsere Bude jeweils 25 Euro, handgemachtes Omelette am Morgen und lustige Mazedonien-Fans am Abend inklusive.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 17.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 18.01.2012:

Hemmungen Fehlanzeige
Liebe Männer, ich werde uns nun auf einige Schlagwörter verdichten. Wer nicht in diesen Spiegel sehen will, sollte erst morgen wieder mein EM-Tagebuch lesen. Reduzieren wir uns, würde unsere Welt doch so aussehen: Endlich wieder im Stehen pinkeln, Fleischberge verputzen, ohne dabei gestrenge Seitenblicke und den Verweis auf Kalorientabellen aushalten zu müssen. Wir würden Bier aus großen Flaschen trinken, Rauchen ohne Grenzen und nebenbei schöne Frauen bestaunen.

Wovon der reduzierte Mann in Deutschland träumt, ist in Serbien gelebter Alltag. Am Fluss Nisava, der immerhin mitten durch die Stadt Nis fließt, stehen die Männer Seite an Seite am Ufer, um sich bei Tageslicht zu erleichtern. Hemmungen Fehlanzeige. Wer hier einen 400-Gramm-Burger isst, der weiß, wie sich eine Boa fühlen muss, die ein Wildschwein verschlungen hat. Und das Bier wird in Plastikflaschen verkauft, deren Größe schlicht pervers ist. Die Marke "Pilsplus" gibt es als neues 2,2-Liter-Model für knapp 1,50 Euro. 200 Milliliter, so der Slogan, seien dabei geschenkt. In Köln wäre das ein volles Glas. Und die Frauen? Hauteng und sehr knapp - das gilt auch für die Wintergarderobe der Damen, die zumindest im Textilbereich stark reduziert sind.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 18.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 19.01.2012:

Die dunklen Seiten
Nis hat sich in eine Partyzone für Mazedonier verwandelt, deren Flaggen schmücken die meisten Restaurants. Die Wirte haben längst erkannt, wer die Kneipen füllt und Studentinnen engagiert, die mit Flugblättern die Verkleideten an die Tresen locken sollen.

Nis, das wird bei einem Rundgang deutlich, hat aber auch dunklere Zeiten erlebt. So findet sich drei Kilometer außerhalb des Zentrums ein Turm, in dem knapp 60 Schädel eingearbeitet sind. Angeblich sollen es einmal 952 gewesen sein, die Anfang des 19. Jahrhunderts noch auf den Schultern serbischer Soldaten saßen. Die Türken, die mehr als vier Jahrhunderte lang Nis besetzt hatten, errichteten den "Schädelturm" an der belebten Militärstraße nach Istanbul, um die Einheimischen einzuschüchtern. Selbst lebten sie in einer gewaltigen Festung, die noch heute die Stadt überragt. Allerdings sind aus Gefängnissen inzwischen Cafes geworden. Direkt daneben erinnert das ehemalige Konzentrationslager "Crveni Krst" an die deutschen Besatzer (1941/44). Nach dem Abzug der Türken wurde Nis großflächig nach westeuropäischem Vorbild umgebaut, breite Boulevards bestimmen seitdem das Stadtbild. Eine kleine orientalische Ecke ist geblieben: Die Gasse "Kopitareva", die schönste in Nis. Hier wohnen wir.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 19.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 20.01.2012:

Nichtrauchen geduldet
Restaurants mit einer Grundfläche jenseits von 80 Quadratmetern müssen einen Schutzraum für Nichtraucher anbieten. Das gilt auch in Serbien, und es gibt sie, diese Nischen. Da der Rauch keine Grenzen kennt und Lüftungen fehlen, haben sie aber eher Treffpunkt-Charakter für eine Randgruppe. So wie im "Caffe caffe". Hier muss auf der oberen Etage eingeatmet werden, was in dicken Wolken aufsteigt. Das Rauchen am Arbeitsplatz ist verboten, weniger wird es nicht. So treffen sich die Lehrer nun auf eine Zigarette vor der Schule. Da die Jugend sowieso zur Kippe greifen wird, ist eine solche Vorbildrolle auch jenseits des Unterrichts vielleicht nur konsequent. Und wenn Taxen Arbeitsplätze sind, werden hinter dem Steuer Gesetze im großen Stil gebrochen.

In den kleineren Kneipen ist alles geregelt: Rauchen erlaubt, Nichtrauchen geduldet. Allgegenwärtig ist der rote Kreis, der eine brennende Zigarette umschließt. Wer denkt, dies würde bedeuten, das Rauchen zu unterlassen, irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Auch in unserem Hostel kleben diese Schilder an jeder Tür. Beruhigend immerhin, dass darunter Feuerlöscher stehen. Nichtraucher gibt es nicht, oder sie leben sehr zurückgezogen. Und der Eindruck erhärtet sich, dass auch sie ins neue Jahr mit dem Vorsatz gestartet sind, endlich mit dem Nichtrauchen aufzuhören.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 20.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 21.01.2012:

Party mit Nationalspielern
Sicher, sie hatten den deutschen Mannschaftsbus bespuckt und das Spielfeld mit Feuerzeugen gepflastert. Aber die Masse der mazedonischen Fans auf eine verirrte Minderheit zu reduzieren, wäre unfair. Da halte ich es mit Oliver Roggisch ("Zu 99 Prozent geil").

Serben und Mazedonier bezeichnen sich als Brüder, auch wenn die Sprachen so unterschiedlich zu sein scheinen, dass die direkte Kommunikation holprig ist. Aber in den Tagen von Nis gab es kaum ein Lokal, das nicht mit gelb-roten Fahnen geschmückt war. Epizentrum war der "Club Ypsilon", nur wenige Meter von der Halle entfernt. Nach dem Sieg gegen Tschechien ließen hier die Nationalspieler kurzerhand ihren Bus anhalten und mischten sich geschlossen unters Partyvolk.

Im "Crazy Horse", einem Irish Pub im Zentrum, durften die Fans sogar auf einer kleinen Bühne mitfeiern, die als Schutzraum für die serbische Live-Band vorgesehen war. Am Ende griffen sie selbst zum Mikrofon, was der Qualität abträglich war, die Musiker aber für eine Zigarettenpause nutzten. Und wir? Uns gaben sie ein Bier aus und grölten "Deutschland, auf Wiedersehen". Hatten sie uns jüngst damit ein zügiges Aus gewünscht, war jetzt zu spüren, dass sie sich ehrlich auf ein Wiedersehen freuen. Und wir auch.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 21.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 23.01.2012:

Transfer mit dem Kult-Auto
Mit dem Yugo durch Serbien. Auf der Suche nach einem Transportmittel für die Fahrt nach Belgrad landeten wir beim Kult-Fahrzeug des Balkans, dem besten, schlechtesten Auto der Welt. Wie sieht der aus? Ein Fiat Panda der ersten Generation, aber ohne Komfort. Eine treue Seele, die in den Achtzigern sogar in die USA exportiert wurde, für unschlagbare 3990 Dollar. Die Serben sagen, dass sie als Geschenke zurückkamen. Wer sich einen US-Schlitten kaufte, bekam einen Yugo dazu.

Unserer hat einen beachtlichen Riss in der Scheibe, aber der scheint mit einem Aufkleber professionell abgedichtet zu sein. Auf der knapp 250 Kilometer langen Holperstrecke bleibt er unverändert. Im Kofferraum eine Sporttasche, auf dem Rücksitz einen Rucksack und zwei Flaschen Wasser - mehr passt in das Modell "55" nicht rein. Der Vermieter ist ein netter Typ, der einst mit Gerald Asamoah für Eintracht Braunschweig kickte. Der Tank ist schnell leer, bei 120 km/h ist Feierabend, aber weil er so schön schmal ist, passen auf der zweispurigen Autobahn gelegentlich drei nebeneinander. Angst? Als Fußgänger auf einem Zebrastreifen empfinde ich hier eine größere. Der Trip kostet 90 Euro, dafür wurde der "Kleinstwagen" (Wikipedia) aber vor dem Hotel abgeholt und zurück nach Nis gebracht.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 23.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 24.01.2012:

Wohliges Leben in der Botschaft
In Nis haben wir damit geprahlt, in Belgrad die Etage einer Villa gemietet zu haben. Was stimmt, sich aber als Untertreibung herausstellte. Das mehr als 100 Jahre alte Gebäude hatte, so lernen wir, zuletzt die slowenische Botschaft beherbergt. Die Holzfußböden sind edel, die Decken hoch, die Stufen haben dieses wohlige Knarzen, das ich sonst nur bei Schloss-Besichtungen erlebt habe.

Streten Mitrovic (63) hat eine Herberge daraus gemacht. Blick auf die Donau, am Ende der Prachtstraße "Knez Mihailova", zu Fuße der Festung "Kalemegdan", dem Wahrzeichen der Stadt. Ein Glücksfall und dazu ein günstiger. Mein EM-Kompagnon und ich zahlen jeweils 50 Euro pro Nacht, die Hälfte dessen, was im Medienhotel fällig gewesen wäre. Das Frühstück wird von Streten frisch beim Bäcker eingekauft, eine Küche hat er nicht. Braucht er nicht. Das "Kalemegdan Park 1899" beherbergt das einzige Row-Food-Restaurant Serbiens, das Essen kommt roh auf den Tisch.

Ein Witz, dass wir aus dem Grillfleisch-Mekka Nis kommend, hier gelandet sind. Unser Mittagessen bestand heute aus edlem Rinderfilet, das drei Wochen in Öl eingelegt gewesen war. Gemäß der strengen Regeln gab es als Beilage Gurkenscheiben statt Brot (gebacken). Immerhin: Das Fleisch kam zwar als Tartar, aber die Portion blieb serbisch - 300 Gramm für jeden.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 24.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 25.01.2012:

Das Knistern der Eichenblätter
Nun bin ich seit zehn Tagen in Serbien, aber einige Fragen bleiben. Da wären: Warum stecken im Kühlergrill einiger Autos getrocknete Eichenblätter? Und warum kleben an Bäumen, Hauswänden und Laternenpfählen laminierte Passbilder, die mit ihrer Text/Bild-Kombination an Todesanzeigen erinnern?

Antworten geben die Studentinnen Miljana Pesic und Jelena Ivanovic. Die Eichenblätter: Überbleibsel des Weihnachtsfestes, das hier am 6. Januar begangen wird. Der Brauch sieht vor, dass Vater und Sohn in den Wald gehen, um die Äste zu schneiden. Tatsächlich werden sie auf dem Markt gekauft. In der guten Stube angezündet, soll die Intensität des Knisterns darüber Aufschluss geben, wie glücklich das Jahr werden wird. Die Fotos: Dabei handelt es sich tatsächlich um Todesanzeigen, mit denen die Nachbarn zur Beerdigung eingeladen werden. Ein blauer Rand kündigt an, dass der Tod nach Auffassung der Angehörigen zu früh gekommen ist. Bei einem schwarzen Rand bewegte sich das Ableben im vorgesehenen Zeitraum.

Bei den jungen Frauen geht weniger die Angst vor dem Tod um. Zumal die meisten sowieso an eine zweite Chance glauben. Sie beunruhigt viel mehr, dass eines Tages ein unvorteilhaftes Bild von ihnen an einem Baum kleben wird.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 25.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 26.01.2012:

Facetten einer verrückten Stadt
Am Eingang steht ein Eisbär mit Sonnenbrille, der Fußboden ist verglast und damit die Küche überdacht. Auf der Toilette sitzt der Weihnachtsmann, ein Ritter reicht das Toilettenpapier - das Lorenzo & Kakalamba gilt als eines der besten Restaurants Belgrads, skurril ist es auf jeden Fall. Als die Vorspeise kam, geschah es: Das Bild bewegte sich. Eine Frau in Öl, so schien es, las ein Buch. Eine harmlose Situation, für die sie allerdings unnötig knapp bekleidet war. Meine Augen trügen in diesen Mitteldistanzen, aber es gab keinen Zweifel - sie räkelte sich. Der Rahmen war eine Bühne, darin saß eine bildschöne Frau, deren Aufgabe es war, ein Bild zu sein.

Nur eine Facette einer verrückten Stadt, die auch über außergewöhnliche Nachtclubs verfügen soll. Der Test: Besuch im "Stefan Braun", ein düster gehaltener Schuppen in einem Plattenbau. Der Fahrstuhl hat zwei Knöpfe, die "0" und die "9". Der Club besteht im Wesentlichen aus zwei Tresen, auf und hinter denen rund 40 Serben mit blinkenden Ringen, Trillerpfeifen und gelben Sicherheitswesten arbeiten. Mitfeiern, würde es wohl besser treffen. Dazu Livemusik und ausgelassene Stimmung, wie sie für die Serben typisch zu sein scheint. Belgrad, so mein Anfangsverdacht, könnte auch ohne Handball-EM eine Reise wert sein.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 26.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 27.01.2012:

T-Shirt als Zielscheibe
Die Kroaten waren lange sehr weit weg. Für sie hatte der Gastgeber das Turnier an die rumänische Grenze verlegt. Ins Nirgendwo. Es wirkte wie eine Retourkutsche für die WM 2009, als Kroatien die ungeliebten Gäste in Zadar antreten ließ. Hier hatten die Serben im Balkan-Krieg 85 Menschen hingerichtet. Die Sportler sollten offenbar noch 18 Jahre danach dafür büßen.

Diesmal bestimmten die Serben die Regeln. Gefühlt qualifizierten sich Ivano Balic & Co in einer anderen Welt für diese, die ab heute eine andere sein wird. Einen Vorgeschmack bekam ich gestern, als ich meinen verqualmten Pulli lüften wollte. Nur Sekunden später knallte ein Schneeball an die Scheibe. Ich dachte erst, mein Hamburger WG-Kollege hätte sich einen Spaß erlaubt. Hatte er nicht, des Rätsels Lösung kannte er trotzdem: "Schau Dich mal an." Den Vollbart meinte er nicht. Aber das T-Shirt ("Croatia"), das mir Kroaten bei der WM 2005 in Tunesien geschenkt hatten. Es mitzunehmen, erfüllte zumindest den Tatbestand der Gedankenlosigkeit. Mehr Zielscheibe geht nicht. Zum Glück kann das serbische Muttchen, das in unserem Apartment jeden Morgen liebevoll Schuhe ausrichtet und T-Shirts faltet, kein Englisch. So blieb unentdeckt, dass hier einer wohnt, der auch mit Fans aus "Hrvatska" schon nette Zeiten verbracht hat.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 27.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 28.01.2012:

Entertainment auf Toilette
Selten habe ich mich beim Gang auf die Toilette so sicher gefühlt wie in der "Beogradska-Arena". Der Weg ist lang, aber wer ihn geht, weiß, wie sich ein Staatsgast fühlt, der er eine Ehrenformation abschreitet. Mehr als 20 kernige Soldaten in voller Montur stehen jeden Tag Spalier. Kampfanzug, Helm, Rückenpanzer, Schlagstock und Klitschko-Kreuz. Wer den Mut aufbringt, ihnen ins Gesicht zu blicken, sieht meist ein Lächeln.

Gestern traf ich die Krieger in voller Besetzung im WC, offenbar dürfen sie nur gemeinsam rauchen. Oder sie sind schon so lange eine Einheit, dass sie den Entzug gleichzeitig verspüren. Pech für mich - sie benutzten jedes Urinal als Aschenbecher. Gelernt: Stehen sie auf dem Gang, ist die Toilette frei. Wenn nicht, eine Zigarettenlänge warten. Einmal bin ich in eine Gruppe Serben gerannt, die einen Halbkreis um ein Urinal gebildet hatte. In ihrer Mitte stand einer dieser Schrank-Soldaten. Auf den ersten Blick schien es, als hätten sie trotz Überzahl Angst. Tatsächlich starrten sie gebannt auf den ebenfalls sehr wehrhaft aussehenden Hund des Kriegers, der mit einem Ball erstaunliche Kunststücke vorführte. Entertainment auf der Toilette, dazu bewacht - und ohne Gebühr. Daran sollten sich die Tankstellen an deutschen Autobahnen ein Beispiel nehmen.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 28.01.2012)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 30.01.2012:

Der Nislija sagt Hvala
Ich wusste nichts und hatte Vorurteile. Und nun? Ich habe gelernt, dass "Nis-Ekspres" auch schlicht der Firmenname eines langsamen Unternehmens sein kann. Ich weiß, dass es kein gutes Geschäft ist, 200 Dinar (zwei Euro) mit der EC-Karte abzuheben und fünf Euro Gebühren zu bezahlen. Ich habe erleben dürfen, dass der Spruch von Momir Ilic ("Wir sind zwar arm, aber wir haben ein großes Herz") das Wesen der Serben trifft. Weil ich angekündigt habe, im nächsten Leben ein "Nislija" - einer aus Nis - zu werden, hat mir eine Zeitung einen Artikel gewidmet, der "Belgrade Insight" will alle Tagebücher abdrucken.

Im aktuellen Leben habe ich ein serbisches Handy (fünf Cent pro Minute nach Deutschland) und eine Herbergsmutter, die mich in Puschen zum Taxi begleitet. Ein Zuhause also. Das Lebensgefühl, das ich hier spüren durfte, ist leicht. Die Herzlichkeit rührend. Deshalb möchte ich mich bei denen bedanken, die mir unvergessliche Einblicke in ihr Land gewährten: Danke ("Hvala") Sreten Mitrovic, Zika Bogdanovic, Marija Petrovic, Miljana Pesic, Dusan Jocic, Jelena Ivanovic und Momir Ilic. Ein "Hvala" für meinen EM-Mitbewohner Nils, der mir half, die Eindrücke zu sortieren. Eines für meine Frau Tina, die mich dieses Abenteuer erleben ließ. "Do Videnja" - auf Wiedersehen. Versprochen.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 30.01.2012)


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