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21.10.2011 Mannschaft / Bundesliga / Champions League

Kieler Nachrichten: Geduldsspiele für die "Zebras"

Gegner des Bundesliga-Spitzenreiters THW Kiel erfinden die Langsamkeit - Morgen Härtetest bei Ademar Leon

Aus den Kieler Nachrichten vom 21.10.2011:

Kiel. 18:0 Punkte nach neun Spieltagen in der Handball-Bundesliga. Ein Startrekord für den THW Kiel, der am Mittwoch auch die MT Melsungen mit 28:23 (14:14) besiegte. Ein Rekord, der die Väter des Erfolges offenbar nicht interessiert. "Darüber haben wir noch nicht ein einziges Mal gesprochen", sagte Filip Jicha, der gestern noch einmal tief den Hut vor den starken Hessen zog. "Es wäre keine Schande gewesen, gegen diese Mannschaft zu Hause zu verlieren. Für die Spannung in der Liga ist das sehr gut."
Die Melsunger, so der Welthandballer weiter, hätten einen großen Schritt nach vorne gemacht und "richtig schlau" gespielt. Die Strategie, den THW Kiel zu schlagen, sei nun einmal, im Angriff die Langsamkeit neu zu erfinden. Das wäre Montpellier - die Franzosen siegten in der Champions League mit 24:23 in Kiel - gut gelungen und jetzt auch Melsungen. "Ich habe oft auf der Bank gesessen, wenn sie angegriffen haben und gesehen, dass sie teilweise eineinhalb Minuten lang den Ball hatten", so der Tscheche. "Da verlierst Du in der Deckung schnell die Geduld." Deshalb sei es ihre wichtigste Hausaufgabe, diese zu bewahren und selbst nicht zu fahrlässig mit den Chancen umzugehen, schließlich würden diese sich deutlich seltener bieten, wenn der Gegner sich ein Tempolimit verordnet hat. "Das haben wir in der ersten Halbzeit gegen Melsungen nicht umgesetzt."

Immer wieder waren die Kieler am starken Torhüter Per Sandström gescheitert. Auch Jicha, der mit zunehmender Spieldauer größere Schwierigkeiten bekam, seinen Unmut über die schwachen Unparteiischen Robert Schulze und Tobias Tönnies zu kontrollieren. Ein Vulkan vor dem Ausbruch. Oder? "Alles war im grünen Bereich", sagte der 29-Jährige auch mit Blick auf den neuen Regelkatalog der Bundesliga, die Äußerungen über Schiedsrichter bis zu 48 Stunden nach dem Abpfiff eines Spiels unter Strafe stellt. "Sie haben es nicht leicht, der Job ist extrem schwer." Er hätte sich vor der Saison bewusst vorgenommen, auf Diskussionen mit ihnen zu verzichten, seine Gefühle besser zu beherrschen. "In meinem Kopf war es am Mittwoch gar nicht so heiß."

Allerdings - die Mannschaft und die Zuschauer wären irgendwann gemeinsam eingeschlafen, da galt es, Emotionen zu zeigen. Alle aufzuwecken.

Die Erfindung der Langsamkeit kann THW-Trainer Alfred Gislason mit Zahlen belegen. "Vor zwei Jahren hatten wir mehr als 70 Angriffe pro Spiel, derzeit sind es nur noch rund 50." Er beobachte eine bedenkliche Entwicklung im Umgang mit dem Zeitspiel. Immer öfter dürften die Gegner seiner Mannschaft den Ball immer länger in ihren Reihen behalten. Taktiken ausführen, die nicht dazu dienen würden, tatsächlich einen Angriff einzuleiten, sondern einzig den Zweck hätten, Sekunden zu summieren. Warum? Darüber kann Gislason nur spekulieren. "Vielleicht ist es ja gewollt, das Tempo aus der Sportart zu nehmen." Der Isländer sorgt sich zudem um den Kriterienkatalog für eine Zeitstrafe. "Wir bemühen uns, eine technisch saubere Abwehr zu spielen. Aber das wird nicht belohnt." Der Klammer-Handball werde nicht entsprechend sanktioniert. Bestraft werde oft nur dann, wenn der Gefoulte auch tatsächlich umfällt. "Aber soll ich das meinen Spielern empfehlen?", fragt sich Gislason. "Ich trainiere sie schließlich so, dass sie möglichst lange stehen bleiben." Er hoffe nur, dass dies keine Sonderbehandlung für seine Mannschaft sei, die im Sinne der Spannung gestoppt werden soll. "Ich wünsche mir, dass wir genauso behandelt werden wie die anderen Vereine."

Härte - das wird auch morgen ein Thema sein, wenn der spanische Spitzenclub Ademar Leon den THW am dritten Spieltag der Champions League erwartet (17 Uhr/Eurosport). "Ich freue mich auf dieses Spiel", sagte Jicha, der heute Morgen mit den Kollegen nach Madrid fliegt, um von dort mit dem Bus ins rund 400 Kilometer entfernte Leon zu reisen. "Wir tragen dann wieder alle einen Anzug und sehen schick aus. Etwas Besonderes eben." Eine andere Bühne. "Da wollen wir uns gut präsentieren. Und siegen."

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 21.10.2011)


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