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29./30.11.2009 - Letzte Aktualisierung: 30.11.2009 Bundesliga

Sieg gegen Wetzlar trotz desaströser erster Halbzeit

Acht Treffer von Kim Andersson - Debüt von Tobias Reichmann

Bundesliga, 12. Spieltag: 29.11.2009, So., 15.00: THW Kiel - HSG Wetzlar: 32:25 (14:18)
Update #2 KN-Berichte, Fotos, weitere Stimmen und Spielbericht ergänzt...

Kaum ein Durchkommen gab es im ersten Durchgang für die "Zebras" gegen eine starke Wetzlarer Deckung.
Klicken Sie zum Vergrößern! Kaum ein Durchkommen gab es im ersten Durchgang für die "Zebras" gegen eine starke Wetzlarer Deckung.
Der THW Kiel hat am Sonntagnachmittag mit dem elften Sieg im zwölften Spiel die Tabellenführung in der TOYOTA Handball-Bundesliga verteidigt. Beim 32:25-Heimerfolg gegen die ersatzgeschwächte HSG Wetzlar benötigten die "Zebras" allerdings eine ganze Halbzeit, um in Fahrt zu kommen. Nach schwachen ersten 30 Minuten und dem 14:18-Halbzeitstand schnupperten die Gäste um den neunmal erfolgreichen Michael Allendorf an einer Sensation, doch ein engagierter zweiter Durchgang mit einem starken Thierry Omeyer im Kasten und dem achtfachen Torschützen Kim Andersson stellte die Weichen in der Sparkassen-Arena-Kiel doch noch auf Heimsieg. Während Nationalspieler Christian Sprenger aufgrund einer Oberschenkelzerrung nicht spielen konnte, feierte Neuzugang Tobias Reichmann nach langer Verletzungspause in der Schlussphase sein Debüt im THW-Trikot.
"Ich bin mir sicher, dass wir noch für einige Überraschungen in der neuen Saison gut sein werden", sagte Gästetrainer Michael Roth zu Beginn der Spielzeit. An einen Auswärtssieg in der Sparkassen-Arena dachte er dabei aber vermutlich nicht, zumal er nur neun Feldspieler aufbieten konnte - unter ihnen auch der grippegeschwächte Alois Mraz, der vorwiegend in der Abwehr eingesetzt werden sollte. Besonders aber die Ausfälle von Goalgetter Sven-Sören Christophersen und Abwehrchef Giorgios Chalkidis drängten die HSG Wetzlar mehr denn je in die Außenseiterrolle.

Doch auch der THW Kiel hatte einen Verletzungsfall zu beklagen: Rechtsaußen Christian Sprenger fiel mit einer Oberschenkelzerrung aus und wird auch Heiner Brand am Dienstag im Testspiel gegen Weißrussland fehlen. Für ihn rückte Christian Zeitz auf die Außenposition, als "Backup" stand zudem erstmals der nach einem Kreuzbandriss wiedergenesene Neuzugang Tobias Reichmann zur Verfügung.

Henrik Lundström traf viermal im ersten Durchgang.
Klicken Sie zum Vergrößern! Henrik Lundström traf viermal im ersten Durchgang.
Die Begegnung zwischen dem Spitzenreiter der TOYOTA Handball-Bundesliga und dem Tabellenzehnten wollte indes zunächst nicht so richtig Fahrt aufnehmen. So streikte anfangs die Anzeigetafel der Sparkassen-Arena - die Uhr blieb drei Minuten lang bei 1:33 Minuten stehen, der erste THW-Treffer durch Filip Jicha zum 1:1-Ausgleich wollte nicht gezählt werden. Nachdem diese technische Panne behoben werden konnte, übernahm auf dem Parkett überraschend die HSG Wetzlar das Kommando. Die im letzten Bundesliga-Heimspiel gegen Göppingen (40:22) so vorzüglich funktionierende 3:2:1-Deckung der Kieler mit Filip Jicha an der Spitze konnten die Hessen mit geduldigem Spielaufbau um Nationalspieler Timo Salzer und tollen Rückraumgranaten von Petar Djordjic ein ums andere Mal düpieren. Die "Zebras" hingegen ließen nicht nur in der Defensive die Aggressivität vermissen, auch im Angriff wirkten die Gastgeber zu passiv und konzeptlos gegen eine kompakte Wetzlarer 6:0-Deckung. In den ersten 17 Spielminuten gelangen dem THW nur drei Feldtore, immerhin versenkten Jicha und Lundström aber vier Siebenmeter und hielten damit die Partie bis zum 7:7 ausgeglichen. Nur manchmal geriet etwas Getriebe in den Kieler Sand - beispielsweise bei Lundströms Treffer zum 5:4 oder Jichas Einzelleistung mit Steal und Gegenstoß zum 8:7.

Wer nach ebendieser Energieleistung des Tschechen hoffte, dass der THW aus der eigenen Lethargie endlich erwachen würde, wurde schnell eines Besseren belehrt - es folgten die wohl schlechtesten vier Kieler Spielminuten der gesamten Saison: Zunächst traf Djordjic, der auch gegen die nun zurückgezogene Kieler Abwehr traf, wie er wollte, zum 8:8-Ausgleich. Dann hämmerte Filip Jicha den Ball an die Latte - der Abpraller landete bei Timo Salzer, der die HSG per Gegenstoß in Führung brachte. Eine Parade des guten Nikolai Weber gegen Andersson leitete das 8:10 durch Allendorf ein, Alfred Gislason trommelte seine Jungs nun zur Auszeit zusammen. Doch auch mit dem Einsatz von Palmarsson, Ilic und Gentzel wurde es nicht besser: Ein geblockter Ilic-Wurf und ein Andersson-Fehlpass leiteten zwei weitere Gegenstöße ein, und nachdem Weber auch noch gegen Ahlm hielt, markierte Michael Allendorf mit seinem vierten Treffer in Folge gar das 13:8 für die Gäste.

Filip Jicha war siebenmal erfolgreich.
Klicken Sie zum Vergrößern! Filip Jicha war siebenmal erfolgreich.
Das Kieler Publikum wurde immer unruhiger, besann sich aber - statt die Mannschaft auszupfeifen - großtenteils dazu, sie zu unterstützen. Diese dankte es den Zuschauern zumindest mit erhöhtem Einsatz in der Abwehr, im Angriff hingegen fehlte noch immer das Konzept gegen die Deckung der Gäste. Lundström verkürzte per Gegenstoß auf 10:13, doch Wetzlar ließ sich weiterhin nicht verunsichern, war noch immer bei Abprallern einen Schritt schneller als die "Zebras" und hielt die Führung aufrecht. Auch als der für den ebenfalls glücklosen Peter Gentzel ins Tor zurückgekehrte Thierry Omeyer in der Schlussphase der ersten Halbzeit endlich zwei Paraden zeigte, wussten die Kieler dies nicht zu ihren Gunsten zu nutzen: Daniel Narcisse knallte den Ball im letzten Angriff an die Latte, statt des möglichen 15:17-Anschlusses besorgte Michael Allendorf mit seinem mittlerweile siebten Treffer das 14:18.

Deutliche Worte soll Alfred Gislason in der Kabine gefunden haben, denn der THW Kiel kehrte wie verwandelt nach dem Seitenwechsel aufs Parkett zurück. Dabei vertraute der Coach größtenteils der gleichen Mannschaft wie im ersten Durchgang, lediglich Dominik Klein rückte für Lundström auf die Linksaußen-Position. Doch besonders in der Abwehr legten die "Zebras" jetzt eine ganz andere Körpersprache an den Tag. Jicha, Andersson mit einem 106 km/h-Kracher und Ilic per Strafwurf verkürzten schnell auf 17:19. Eine Schlüsselszene ereignete sich dann in der 35. Spielminute, als sich die Kieler mit beherztem Einsatz in der Abwehr die Sympathien der Fans zurück erkämpften. Bei angezeigtem Zeitspiel wurden zunächst zwei Würfe geblockt, der dritte von Daniel Valo vom nun ebenfalls hellwachen Thierry Omeyer gehalten. Als Dominik Klein im Gegenzug auf 18:19 verkürzte, schien sich die Partie endgültig zu drehen.

Nach schwacher erster Halbzeit ein gewohnt starker Rückhalt: Thierry Omeyer.
Klicken Sie zum Vergrößern! Nach schwacher erster Halbzeit ein gewohnt starker Rückhalt: Thierry Omeyer.
Wetzlar versuchte noch einmal alles: Timo Salzer gelang auch der 20. Treffer und die Abwehr provozierte ein Stürmerfoul von Daniel Narcisse. Doch dann parierte Omeyer einen wichtigen Wurf von Salzer, der Ball landete bei Kim Andersson, der beim Einleiten des Gegenstoßes von Kreisläufer Sebastian Weber unsanft gestoppt wurde. Als Konsequenz gab es die allererste Zeitstrafe der Partie. Nur zwanzig Sekunden später verkürzte Ahlm nach tollem Narcisse-Anspiel, zudem musste auch Daniel Valo auf die Strafbank. Diese insgesamt 100 Sekunden in doppelter Überzahl nutzten die "Zebras" nun, um erstmals seit dem 8:7 wieder in Führung zu gehen. Narcisse traf aus luftigster Höhe zum 20:20-Ausgleich, Dominik Klein legte mit einem tollen Heber nach. Danach waren die Hessen zwar wieder vollzählig, scheiterten aber mit ihren Wurfversuchen an der Kieler Abwehr, während Andersson und Jicha das 23:20 markierten.

Wetzlar gab sich noch nicht geschlagen, Michael Allendorf brachte die Gäste mit einem Doppelpack noch einmal bis auf ein Tor heran. Doch die "Zebras" hatten gleich die richtige Antwort parat, Zeitz und Andersson erhöhten wieder auf 25:22, während sich bei Wetzlar nun die dünne Personaldecke negativ bemerkbar machte. Der im ersten Durchgang starke Djordjic machte mittlerweile völlig ausgepumpt Platz für Alois Mraz, Würfe von Daniel Valo wurden reihenweise geblockt, die geplanten Kreisanspiele kamen zu ungenau, und auch die Außen Avishay Smoler und Michael Allendorf fanden nun bei Gegenstößen und Strafwürfen in Thierry Omeyer ihren Meister. Sieben Minuten lang wollte Wetzlar kein Tor mehr gelingen, die Kieler hingegen waren nicht mehr zu stoppen. Ein Rückraumwurf von Ilic, ein mit voller Willenskraft ins Tor getragener Gegenstoß von Klein und ein ansatzloser Stemmwurf Anderssons bedeuteten das 28:22. Bei Kleins abgefälschtem Unterarmwurf zum 29:22 hatte der THW nun auch das Glück auf seiner Seite - und die Partie dann doch schon zehn Minuten vor Spielende entschieden.

In der 56. Spielminute - beim Spielstand von 30:24 - war es dann endlich soweit: Die Zeitstrafe von Christian Zeitz war abgelaufen, doch statt des ehemaligen Nationalspielers durfte Tobias Reichmann erstmals für den THW aufs Parkett. In die Torschützenliste konnte sich der 21-jährige Linkshänder indes nicht mehr eintragen, sein einziger Wurfversuch - aus dem Rückraum - war ein gefundenes Fressen für Nikolai Weber. Letztlich siegte der THW mit 33:25 und kam noch einmal mit einem blauen Auge davon. Die nächste Partie steht am kommenden Samstag an, wenn die Kieler beim Aufsteiger TuS N-Lübbecke antreten müssen.

(Sascha Krokowski)

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Lesen Sie auch den ausführlichen Spielbericht und den Bericht über das Comeback von Tobias Reichmann aus den Kieler Nachrichten.

Stimmen zum Spiel:

HSG-Trainer Michael Roth:
Normalerweise müsste man in der Halbzeitpause in den Bus steigen und heimfahren. (grinst)
Der THW Kiel war in der 2. Halbzeit engagierter, bei uns hingegen schwanden leider nach und nach die Kräfte. Für mich gab es dennoch zwei Knackpunkte im Spiel. Der eine war die doppelte Zeitstrafe gegen uns, in der Phase hat der THW dann das Spiel gedreht. Der zweite Knackpunkt war um die 45. Minute herum, als wir noch einmal bis auf 23:22 herankamen, aber mit klaren Chancen an Omeyer scheiterten.

Insgesamt muss ich meiner Mannschaft aber ein großes Kompliment machen. Wir sind mur mit neun Feldspielern angereist. Alois Mraz hat grippegeschwächt auf die Zähne gebissen und zumindest in der Abwehr helfen können. Wir hatten uns vorgenommen, hier etwas zu lernen - das haben wir auch gemacht. Wir verlassen Kiel erhobenen Hauptes und haben eine Menge Selbstvertrauen für die kommenden Aufgaben getankt.

THW-Trainer Alfred Gislason:
Wir haben zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten gesehen. In der ersten hat bei uns gar nichts gepasst. Unsere Abwehr war viel zu passiv, unsere Torhüter haben keinen Ball angefasst, das Angriffsspiel war zu langsam. Wetzlar hat seht diszipliniert gespielt.

Uns war klar, dass nach dem Seitenwechsel was passieren musste. Dies ist uns Gott sei Dank gelungen. Wir haben in allen Bereichen viel besser agiert. Sicherlich hatten wir auch mehr Optionen auf der Bank. Dass aber so viele Spieler bei Wetzlar krank waren, passte mir gar nicht. Vielleicht hatten meine Spieler den Gegner unterbewusst unterschätzt.

Ich bin auf jeden Fall froh, dass wir das Spiel noch drehen konnten. Diese Partie war ein Riesen-Warnschuss für uns.

HSG-Geschäftsführer Axel Geerken:
Aufgrund der zweiten Halbzeit war es ein verdienter Sieg für den THW. Wir orientieren uns natürlich an der ersten. Dort haben wir sehr gut gespielt, insbesondere auch unsere jungen Spieler.
THW-Geschäftsführer Uli Derad:
Ich denke, zum Spiel ist alles gesagt. Ein Kompliment an Wetzlar für diese Leistung.

Christian Sprenger fiel leider aufgrund einer Zerrung im Oberschenkel aus und wird auch am Dienstag nicht für die Nationalmannschaft spielen können. Aber es ist erfreulich für uns, dass Tobias Reichmann heute erstmals für uns auflaufen und die ersten Spielanteile sammeln konnte. Jetzt hoffe ich, dass Christian bald wieder gesund wird und dass Tobias es bleibt.

THW-Rückraumspieler Kim Andersson gegenüber dem DSF:
In der ersten Halbzeit kamen wir nicht klar. Wir wollten mit einer aggressiven Deckung anfangen, aber uns fehlte die Aggressivität. Wetzlar dagegen traf alles. Aber nach 30 Minuten sind wir als eine andere Mannschaft aus der Kabine gekommen. Alfred Gislason hatte in der Kabine klare Worte gefunden, uns aufgezeigt, was wir alles besser machen müssen, und vor allem, dass wir nicht gewinnen können, wenn wir nicht kämpfen. Dann stand unsere Mannschaft besser in der Abwehr und so kam Titi auch wieder zur Normalform. Das Publikum hat uns heute sehr gut geholfen, das war sehr wichtig.
HSG-Spielmacher Timo Salzer gegenüber dem DSF:
In der ersten Halbzeit haben wir richtig gut gespielt, genau das gemacht, was wir uns vorgenommen hatten: Eine gute, solide Abwehr, vorne diszipliniert und das Tempospiel des THW weitgehend unterbunden. Verletzungsbedingt hat uns dann in der zweiten Halbzeit die Kraft gefehlt und wir starteten dann mit doppelter Unterzahl in den zweiten Durchgang, sonst hätte es vielleicht enger ausgehen können.
THW-Kapitän Marcus Ahlm gegenüber den KN:
Wir sind in der ersten Halbzeit nicht ins Spiel gekommen. Wir haben komische Entscheidungen getroffen, und der eine hat den anderen damit angesteckt. Am Ende haben alle sieben Spieler auf dem Feld Fehler gemacht. In der Pause war uns klar, dass wir uns an allen Ecken steigern müssen, aber auch können. Das haben wir getan. Die Pfiffe der Zuschauer will ich nicht kommentieren. Vielleicht waren es ja auch Fans aus Wetzlar.
HSG-Torhüter Nikolai Weber gegenüber den KN:
In der ersten Halbzeit hat alles so geklappt, wie wir es uns vorgenommen hatten. Wir hatten aber nicht damit gerechnet, dass das zu einem solchen Zwischenstand führen könnte. Wir wollten auf die erste Welle verzichten, um nicht in die THW-Konter zu laufen, das Konzept ging zunächst auf. Im zweiten Durchgang kam auch der Faktor "Schiedsrichter" dazu, aber damit muss man in Kiel rechnen. Als der THW sein Selbstbewusstsein wieder gefunden hatte, war das Spiel schnell entschieden.

12. Spieltag: 29.11.09, So., 15.00: THW Kiel - HSG Wetzlar: 32:25 (14:18)

Logo THW Kiel:
Omeyer (1.-21., 28.-60., 13/2 Paraden), Gentzel (21.-28., keine Parade); Lund, Andersson (8), Lundström (4/1), Anic (1), Ahlm (1), Reichmann, Zeitz (1), Palmarsson, Narcisse (2), Ilic (3/1), Klein (5), Jicha (7/3); Trainer: Gislason
Logo HSG Wetzlar:
Krasavac (bei vier Siebenmetern, 1/1 Parade), N. Weber (1.-60., 14 Paraden); S. Weber (2), Smoler, Salzer (4), Valo (3), Allendorf (9), Jungwirth (1), Mraz, P. Djordjic (5), Schneider (1); Trainer: Roth
Schiedsrichter:
Andreas Pritschow / Marcus Pritschow
Zeitstrafen:
THW: 2 (Lund (51.), Zeitz (54.));
HSG: 2 (S. Weber (38.), Valo (38.))
Siebenmeter:
THW: 7/5 (Lundström vorbei (29.), Krasavac hält Jicha (30., Nachwurf verwandelt));
HSG: 2/0 (Omeyer hält 2x Allendorf (54., 58.))
Spielfilm:
1. Hz.: 0:1, 1:1, 1:2 (5.), 2:2, 2:3, 3:3, 3:4 (10.), 5:4, 5:6, 6:6 (14.), 6:7, 8:7 (18.), 8:13 (21.), 10:13, 10:15 (25.), 11:15, 11:16, 13:16, 13:17, 14:17, 14:18;
2. Hz.: 16:18, 16:19, 18:19, 18:20 (37.), 23:20 (42.), 23:22, (45.), 29:22 (52.), 29:23, 30:23, 30:24 (56.), 31:24, 32:24, 32:25.
Zuschauer:
10250 (ausverkauft) (Sparkassen-Arena-Kiel, Kiel)
Spielgrafik:
Spielgrafik

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 30.11.2009:

32:25 - "Zebras" nahmen aber einen langen Anlauf

Tabellenführer der Handball-Bundesliga lag gegen Wetzlar zur Pause mit 14:18 zurück
Kiel - Nicht wenige Fans des THW Kiel hatten ihre Dauerkarten großzügig an Freunde und Nachbarn verliehen. In der Gewissheit, sich diesen Großmut leisten zu können. Was sollte gegen die HSG Wetzlar denn schon passieren? Aber: Wer gestern beim 32:25 (14:18)-Erfolg des Handballmeisters nicht in der Arena war, hatte Kurioses verpasst.

Als die "Zebras" nach einer fürchterlichen ersten Halbzeit in die Kabine flüchteten, wurden sie von Pfiffen begleitet. In der Sache verständlich, aber dennoch überflüssig. Denn wer sich am meisten über diese 30 denkwürdigen THW-Minuten ärgerte, war klar - Spieler und Trainer des Meisters, der nach den jüngsten Kantersiegen sehr menschliche Züge zeigte.

Dabei schienen die Punkte schon vor dem Anpfiff verteilt, war Wetzlar doch im letzten Hemd angetreten. Abwehrchef Giorgios Chalkidis und Kreisläufer Gregor Werum waren mit Verdacht auf Schweinegrippe abgereist. Sven-Sören Christophersen, mit 69 Saisontoren bis dato drittbester Werfer der Liga, wegen einer Entzündung in der Schulter gar nicht angereist.

Doch die von Michael Roth gut eingestellten Gäste begannen frech. Die offensive THW-Deckung mit Filip Jicha als Spitze, gegen Göppingen der Schlüssel zum 40:22-Erfolg, war löchrig wie ein Sieb. Auch, weil die "Zebras" viel zu passiv agierten und Thierry Omeyer bis zur Pause nur zwei Bälle parierte. Eine historische Quote. Die Gäste spielten Zeitlupenhandball, den aber perfekt. Die Kieler agierten im Angriff ähnlich langsam, das aber mit einer enormen Fehlerquote. So rollte der Meister den roten Teppich für Linksaußen Michael Allendorf aus, der sieben seiner neun Tore im ersten Durchgang erzielte. Ohne Fehlwurf.

Es passte ins desolate Bild, dass Henrik Lundström beim Stand von 13:17 einen Siebenmeter neben das Tor warf und Jicha nur Sekunden später seinen Strafwurf erst im zweiten Anlauf verwandeln konnte.

Aus der Kabine kam dann aber eine Kieler Mannschaft, die von der ersten Sekunde keinen Zweifel daran ließ, dass der 29. November 2009 kein Tag werden würde, an dem Serien enden. Seit 32 Bundesligaspielen sind die "Zebras" zu Hause ungeschlagen, gegen Wetzlar hatten sie 13 Mal in Folge gewonnen. Die Deckung, umgestellt auf die sattelfeste 6:0-Variante, verwandelte sich nun in Kombination mit Omeyer in eine Wand. Den Mittelhessen sollten nun nur noch sieben Tore gelingen, eine Demütigung. In der 35. Minute hatte sich auch das kritische Publikum wieder verliebt. Da parierte Omeyer einen Wurf von Daniel Valo und der eingewechselte Dominik Klein hämmerte im Gegenzug den Ball zum 18:19 ins Netz. Dann klettete sich Sebastian Weber bei einem Kieler Gegenstoß an den achtfachen Torschützen Kim Andersson und musste auf der Strafbank büßen. Dort leistete ihm wenige Sekunden später Valo Gesellschaft, der wiederholt Kreisläufer Marcus Ahlm als Sandsack zweckentfremdet hatte, und nun erstmals die Konsequenzen zu spüren bekam.

In doppelter Überzahl glichen die Kieler aus, und als Klein zum 21:20 (41.) traf, war klar, welche Richtung dieses Spiel einschlagen würde. Mit einem herrlichen Heber hatte der stark aufspielende Linksaußen Nikolai Weber genarrt, der Ball klatschte an den Pfosten und trudelte von dort gemächlich hinter die Linie. Beide Fäuste geballt, das Gesicht ein einziger Schrei der Erlösung - so baute sich Klein vor den Fans auf, die das Signal verstanden: Jetzt geht es los!

Mit einer ähnlichen Geste feierte Omeyer, als er nach der ersten Drei-Tore-Führung (25:22/46.) mit einer herrlichen Parade gegen Allendorf, Wetzlars Bestem, aus kürzester Distanz die Tür endgültig abschloss. Anschließend stellte aber auch Allendorf, der noch zweimal vom Siebenmeterpunkt an Omeyer scheiterte, den Widerstand ein.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 30.11.2009)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 30.11.2009:

Tobias Reichmann: Vom Kampfgericht vergessen

Kiel - Es war ein Auftritt mit Hindernissen. Aber wer den Leidensweg von Tobias Reichmann verfolgt, ahnt, dass auch sein erstes Spiel für den Rekordmeister nicht reibungslos verlaufen würde. Als ihn Alfred Gislason Ende der ersten Halbzeit einwechseln wollte, stand der Name des Linkshänders gar nicht auf dem Spielberichtsbogen. "Wir spielen so schlecht, liegen vier Tore zurück, und dann kann ich nicht wechseln", ärgerte sich Gislason. "Das passte in diesem Moment wie die Faust aufs Auge."

Was war passiert? Rechtsaußen Christian Sprenger hatte sich am Sonnabend im Abschlusstraining eine Oberschenkelzerrung zugezogen. Wahrscheinlich wird der Linkshänder auch das morgige Testländerspiel gegen Weißrussland absagen müssen. Gislason nominierte kurzfristig Reichmann ("er hat zuletzt riesige Fortschritte gemacht") nach, der am Sonnabend beim 33:24-Sieg der "Zweiten" bereits 40 Minuten lang mitgewirkt hatte.

Den Gedanken, Torhüter Andreas Palicka nach achtmonatiger Verletzungspause zu nominieren, hatte Gislason kurzfristig wieder verworfen. "Gegen einen solchen Gegner sind Experimente nicht angebracht." Reichmann oder Sprenger? Bis kurz vor dem Anpfiff hatte sich Gislason noch nicht entschieden. 16 Spieler darf jeder Trainer benennen, jeweils 14 werden vom Kampfgericht schließlich auf elektronischem Wege für die Partie freigeschaltet. Dass Gislason schließlich Reichmann meldete, hatte Dirk Schmerder (KMTV) am Kampfrichtertisch überhört. "Da habe ich Alfred falsch verstanden." Als Reichmann eingewechselt werden sollte, war das entsprechende Feld noch unbeschrieben. "Ich musste ihn erst freischalten", entschuldigte sich der 39-Jährige. Was Gislason nicht wusste: Er hätte Reichmann trotzdem einsetzen können, die Strafe wäre nur eine gelbe Karte gewesen.

Nach seinem Kreuzbandriss vor knapp sieben Monaten wollte der 21-Jährige den ersten Einsatz unbedingt mit einem Tor krönen. Doch sein übermotivierter Wurf aus dem Rückraum war leichte Beute für Nikolai Weber. Und das Kempa-Anspiel von Dominik Klein konnte er trotz seiner gewaltigen Sprungkraft nicht erreichen. In Erinnerung blieb ihm, als er in der 55. Minute endlich das Feld betrat, aber der herzliche Empfang der Fans. "Das war unbeschreiblich."

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 30.11.2009)


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