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26./27./29.11.2010 - Letzte Aktualisierung: 29.11.2010 Champions League

Champions League: Unglaubliche Zebra-Moral - THW holt Punkt in Mannheim

Marcus Ahlm vermutlich mit Fingerbruch

CL, Gruppe A, 5. Spieltag: 26.11.2010, Fr., 19.15: Rhein-Neckar Löwen - THW Kiel: 30:30 (17:14)
Update #3 KN-Bericht vom 29.11. ergänzt...

Körpersprache: Riesenjubel nach dem Schlusspfiff auf Kieler Seite, enttäuschte Löwen auf der Seite der Gastgeber.
Klicken Sie zum Vergrößern! Körpersprache: Riesenjubel nach dem Schlusspfiff auf Kieler Seite, enttäuschte Löwen auf der Seite der Gastgeber.
Sie lagen zeitweise mit fünf Toren zurück, sie mussten die Ausfälle von Marcus Ahlm und Christian Sprenger verkraften, sie liefen auf der sprichwörtlich letzten Felge gegen einen Gegner, der seinen Riesenkader konsequent zum Einsatz brachte - und doch konnte der THW Kiel am Freitagabend nach dramatischen Schlussminuten jubeln, als ob er gewonnen hätte: Der Punktgewinn beim 30:30 (17:14) gegen die Rhein-Neckar Löwen war wie ein gefühlter Sieg, kamen die Kieler doch dem Platz eins in der Champions-League-Gruppe A durch diesen geteilten Triumph einen großen Schritt näher. Überragend einmal mehr: Filip Jicha. Der Tscheche erzielte 9/1 Tore und wurde so mit dem starken Jerome Fernandez (7/2 Treffer) zum Matchwinner der Zebras.
Trotz der schon vor dem Anpfiff angespannten Personal-Situation, neben den Langzeitverletzten Daniel Narcisse und Kim Andersson fehlte auch Christian Zeitz erneut, wollten die Zebras in der nicht ausverkauften SAP-Arena gewinnen. Trainer Alfred Gislason überraschte seinen isländischen Gegenüber Gudmundur Gudmundsson mit einer neuen Start-Formation: Weil Filip Jicha und Marcus Ahlm am Mittwoch gegen Magdeburg einmal mehr Schwerstarbeit verrichten mussten, gönnte ihnen der Zebra-Coach eine Verschnaufspause. Momir Ilic begann mit Jerome Fernandez und Aron Palmarsson im Rückraum, Milutin Dragicevic rückte an den Kreis. Und auch Chrstian Sprenger bekam eine Pause, für ihn startete Tobias Reichmann.

Börge Lund kam gegen seine ehemaligen Mannschaftskameraden nicht wie zuletzt zum Zug.
Klicken Sie zum Vergrößern! Börge Lund kam gegen seine ehemaligen Mannschaftskameraden nicht wie zuletzt zum Zug.
Die Partie begann vielversprechend, Thierry Omeyer schnappte sich gleich den ersten Tempogegenstoß von Patrick Groetzki, und Fernandez tunnelte Fritz zum 1:1. Wenig später bediente Reichmann aus dem Rückraum Dragicevic, und der traf zum 2:2. Aron Palmarsson tankte sich zum 3:3 (9.) durch, Gislasons "Joker" schienen alle zu stechen, weil auch Momir Ilic seinen ersten Wurf trocken zum 4:4 versenkte, und Dragicevic erneut zum 5:5 einnetzen konnte (12.). Doch dann musste erst Ilic für zwei Minuten auf die Bank (14.), das THW-Gefüge geriet etwas aus der Spur. Auch, weil Henning Fritz nun einige tolle Paraden zeigte. Gensheimer vom Siebenmeterstrich, Gunnarsson vom Kreis, Stefansson und Myrhol per Tempogegenstoß ließen die SAP-Arena in drei Minuten vier Mal jubeln - Gislason nahm nach 16 Minuten die Auszeit. Er beorderte Andreas Palicka für den glücklosen Omeyer ins Tor und brachte auch Jicha und Ahlm. Doch erst einmal brachte Groetzki seine Farben mit 10:5 in Front, ein Vorsprung, den der Löwen-Rechtsaußen mit zwei weiteren Treffern bei einem Fernandez-Gegentor bis zur 21. Minute behaupten konnte.

Dann war Jicha nach einer kurzen Anlaufphase drin in der Partie: Mit einem unglaublichen Dreher überwand er Fritz und drosch wenige Sekunden später einen Siebenmeter zum 9:12 aus Kieler Sicht in die Maschen. Palicka schnappte sich nun einige schwere Bälle, der THW schien auf Touren zu kommen. Doch dann der Schreck: Reichmann wurde vor seinem Tor zum 10:13 von Gensheimer im Sprung an der Hüfte gehalten, kam aus der Flugbahn und landete unglücklich auf der Hand. Mit schmerzverzerrtem Gesicht musste er zur Behandlung nach draußen, Sprenger rückte in die THW-Formation. Im nächsten Löwen-Angriff erwischte es dann Marcus Ahlm noch schwerer: Beim Versuch, Börge Lund zu stoppen, drehte sich Ahlm plötzlich ab. Den freien Wurf parierte Palicka glänzend, doch der ausbleibende Jubel zeigte sofort: Ahlm musste sich bei der Aktion schwerer verletzt haben. Zwei Ausfälle in weniger als einer Minute - das Verletzungspech klebt den Kieler Handballern in dieser Saison besonders früh an den Stiefeln.

Filip Jicha ließ sich selten von Olafur Stefansson bezwingen.
Klicken Sie zum Vergrößern! Filip Jicha ließ sich selten von Olafur Stefansson bezwingen.
Den Schock über den Ausfall des Kapitäns hatten Palicka und Jicha am schnellsten überwunden: Der eine hielt, was es zu halten gab. Der andere brachte seine Mannschaft bis auf zwei Tore heran - bis zur Pause sollte der Tscheche nach Ahlms Verletzung noch drei der vier Tore bis zur Pause erzielen. Das vierte steuerte der heute stark spielende Dominik Klein nach Schneller Mitte bei - die Löwen antwortete vor allem mit Gewaltwürfen des in der ersten Halbzeit nicht zu stoppenden Bielecki. Trotzdem bot sich dem THW Sekunden vor der Halbzeit-Sirene beim 14:17-Rückstand noch die Möglichkeit, zu verkürzen: Doch Fritz vereitelte den finalen Kempa-Versuch von Sprenger.

Aus der Halbzeitpause kam der THW furios zurück auf die Platte: Ehe sich die Löwen versahen, hatten Jicha und Klein den THW auf 17:18 heran gebracht, die Partie schien zu kippen. Doch die Gastgeber reagierten clever, Bielecki aus elf Metern und Gensheimer mit seinem ersten Feldtor sorgten wieder für eine Drei-Tore-Führung der Gastgeber (38.). Nach Fernandez unglaublichem Wurf (bei Passiv-Warnung) zum 20:22 sprintete Sprenger einem geblockten Ball hinterher - das nächste Unglück aus Sicht des THW nahm seinen Lauf: Der Rechtsaußen rutschte in die bande und verletzten sich bei dieser Aktion am Fuß - Reichmann musste trotz seiner schmerzenden Hand wieder auf die Platte.

Alfred Gislason mochte derweil nicht mehr hinschauen - nur noch drei Feldspieler nahmen einsatzbereit neben ihm Platz. Und auch die wacker kämpfenden Zebras schienen kutzzeitig geschockt, was Bielecki und der immer stärker auftrumpfende Gensheimer zur 25:20-Führung nutzten. 19 Minuten vor dem Ende schien die Partie für die Kieler gelaufen, kaum jemand unter den 12500 euphorischen Zuschauern hätte zu diesem Zeitpunkt auch nur einen Cent auf eine Rückkehr des THW gewettet. Und als zwölf Minuten vor dem Schlusspfiff Andy Schmid mit zwei druckvollen Würfen die Fünf-Tore-Führung verteidigte, schien die Messe tatsächlich gelesen. Gislason ließ aber nichts unversucht: Für den starken Andreas Palicka, der wenige Minuten zuvor einen Kempa-Versuch von Schmid grandios abgewehrt hatte, schickte er wieder Omeyer auf die Platte.

Thierry Omeyer glänzte in der Schlussphase als sicherer Rückhalt. Hier hält er einen Wurf von Robert Gunnarsson.
Klicken Sie zum Vergrößern! Thierry Omeyer glänzte in der Schlussphase als sicherer Rückhalt. Hier hält er einen Wurf von Robert Gunnarsson.
Und der war gleich auf Betriebstemperatur: Nach Ilic' Einzelleistung zum 24:28 wehrte Omeyer wie schon fünf Tage zuvor in der Sparkassen-Arena einen Gensheimer-Siebenmeter ab - diese Parade schien wie eine Initialzündung für den THW. In der Abwehr wurde nun kein Zentimeter Boden verschenkt, Klein verurteile Bielecki durch seine Raumbewachung fast zur Bedeutungslosigkeit, und im Angriff warfen sich die müden Kieler in die Zweikämpfe, dass die Löwen nur so staunten: Jicha und Klein hielten die kleine Hoffnungs-Flamme beim 26:28 (51.) am Köcheln, die Löwen erhöhten durch den an den Kreis eingelaufenen Gensheimer. Dann kamen die Minuten des Jerome Fernandez: Erst vernaschte er mit einem Wackler die komplette Löwen-Deckung und traf zum 27:29, dann erzielte Stefansson das 30:27 (54.). Fernandez übernahm Verantwortung vom Siebenmeterstrich und präsentierte eine Coolness, wie man sie sich von einem echten Zebra wünscht: Ohne Nerven drosch er die Strafwürfe an Szmal vorbei zum 28:30 und 29:30 (59.) in die Maschen, während die Defensive die letzten Kräfte mobilisierte, während Omeyer sich noch ein paar Mal auszeichnen konnte. Ein Monsterblock von Kubes brachte den THW 40 Sekunden vor der Schlusssirene in Ballbesitz, Dragicevic sorgte im Fallen artistisch für den Ausgleich. Da waren allerdings noch 15 Sekunden zu spielen, die Löwen versuchten alles, doch die THW-Abwehr wollte sich diesen Triumph auf fremden Boden nicht mehr nehmen lassen. Sie ließ keinen Wurf mehr zu und blockte auch noch den Freiwurf von Bielecki nach der Schlusssirene.

Die Szenen nach dem Schlusspfiff hätten widersprüchlicher kaum sein können: Die kleine Horde verbliebener Zebras hüpfte vor Freude über den Punktgewinn, die 14 aufgebotenen Löwen schlichen mit hängenden Köpfen zum Dank an ihre Fans. Der THW hatte ein verloren geglaubtes Spiel gedreht und einmal mehr gezeigt, dass sich ein schwarz-weißes Handball-Kämpferherz auch nicht von noch so widrigen Umständen brechen lässt.

Doch der Teil-Erfolg hatte natürlich mehrere Wermutstropfen: Marcus Ahlm musste mit Verdacht auf Fingerbruch in der linken Hand früh raus und droht für lange Zeit auszufallen. Und auch bei Christian Sprenger besteht der Verdacht auf eine schwerere Verletzung. Tobias Reichmann musste die letzten 21 Minuten mit einer schmerzhaften Verstauchung in der Hand für Sprenger in die Bresche springen und erzielte insgesamt drei tolle Tore. Genaue Diagnosen sollen bei Untersuchungen nach der Rückkehr nach Kiel gestellt werden.

(Christian Robohm)

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Stimmen zum Spiel:

THW-Geschäftsführer Uli Derad:
Auch der zweite Teil der "Löwen"-Trilogie ist uns aus sportlicher Sicht gelungen. Man muss sich das einmal vorstellen: Wir reisen ohne drei Top-Leute an und verlieren im Spiel zwei weitere Leistungsträger durch Verletzungen. Und trotzdem holen wir hier nach einem großen Rückstand einen Punkt, der im weiteren Verlauf des Wettbewerbs noch ganz wichtig werden kann. Man muss einfach den Hut vor dieser Moral und der Mannschaftsleistung ziehen.
THW-Torjäger Filip Jicha:
Wir haben immer an uns geglaubt, nie aufgegeben. Es war für beide Mannschaften sehr schwer, das hat man besonders am Anfang gesehen. Am Mittwoch hatten beide ein schweres Spiel in der Bundesliga, gestern sind wir hier angereist, heute dann so eine Partie, die keine schöne war.

Aber was wichtig ist: Mit so vielen Ausfällen sind wir zurück in eine Partie gekommen, die schon fast verloren war. Mit Konsequenz haben wir dann doch noch einen Punkt geholt, ich freue mich riesig.

Alle Spieler sind derzeit müde, auch ich. Aber wenn einem solch ein Punktgewinn gelingt, dann bringt das Euphorie und Spritzigkeit in den Körper.

Mittwoch sind wir dann ja schon wieder hier und haben keine Zeit, uns auszuruhen.

THW-Linksaußen Dominik Klein:
Natürlich freut man sich über diesen gewonnenen Punkt. Aber wenn man dann in die Kabine kommt und den bedrückten Marcus Ahlm sieht, wie er dort mit Schmerzen in der Hand sitzt, dann ist die Freude schnell auch wieder dahin.

 


Champions League, Gruppe A, 5. Spieltag: 25.11.10, Fr., 19.15: Rhein-Neckar Löwen (GER) - THW Kiel: 30:30 (17:14)

Logo Rhein-Neckar Löwen (GER Flagge GER):
Szmal (45.-60., 3 Paraden), Fritz (1.-45., 8 Paraden); Schmid (3), Gensheimer (7/3), Roggisch, Sesum, Tkaczyk, Bielecki (7), Lund (1), Gunnarsson (5), Stefansson (2/1), Russ (n.e.), Myrhol (1), Groetzki (4); Trainer: Gudmundsson
Logo THW Kiel:
Omeyer (1.-16., 48.-60. und 1 Siebenmeter, 4 Paraden), Palicka (16.-48. und 1 Siebenmeter, 10 Paraden); Lundström (n.e.), Dragicevic (3), Sprenger, Ahlm, Kubes, Reichmann (3), Palmarsson (3), Ilic (2), Klein (3), Jicha (9/1), Fernandez (7/2); Trainer: Gislason
Schiedsrichter:
Per Olesen / Lars Ejby Pedersen (DEN)
Zeitstrafen:
RNL: 6 (2x Myrhol (11., 45.), Lund (17.), 2x Roggisch (22., 60.), Groetzki (26.));
THW: 4 (Ilic (14.), Fernandez (17.), Kubes (21.), Klein (38.))
Siebenmeter:
RNL: 5/4 (Omeyer hält Gensheimer (50.));
THW: 4/3 (Jicha an den Pfosten (46.))
Spielfilm:
1. Hz.: 1:0, 2:1 (5.), 4:3 (10.), 5:5 (12.), 10:5 (17.), 11:6, 12:7 (21.), 12:9 (22.), 13:11 (24.), 14:12, 15:13 (27.), 17:14;
2. Hz.: 17:15, 18:15, 18:17 (33.), 20:17, 21:19 (38.), 22:20 (39.), 25:20 (41.), 25:22 (44.), 26:23 (46.), 28:23 (48.), 28:26 (51.), 30:27 (54.), 30:29 (59.), 30:30 (60.).
Zuschauer:
12.500 (SAP-Arena, Mannheim)

Kurzumfragen:

Wie schneidet der THW in der CL ab?
CL-Sieger 66.6%
Finale 21.4%
Halbfinale 8.2%
Viertelfinale 2.0%
Gruppenphase 1.2%
Achtelfinale 0.6%
Anzahl Stimmen: 4510

 

Die anderen deutschen Europapokal-Teilnehmer

Der HSV Hamburg verlor am Sonntag beim bisher sieg- und punktlosen Tatran Presov (SVK) einen Punkt: Die Hansestädter erreichten beim Spiel der Gruppe B nur ein 26:26 (15:13)-Remis.

Die SG Flensburg-Handewitt verlor das Spitzenspiel in der Gruppe D bei RK Zagreb mit 26:31 (12:14).

Der TV Großwallstadt hat im EHF-Pokal die nächste Runde erreicht. Nach dem knappen 26:24 (12:13)-Hinspielsieg gewann der TVG beim isländischen Top-Club Haukar Hafnarfjördur klar mit 28:17 (14:6). Nur Formsache war nach dem 45:29 (23:16)-Hinspielergebnis das Rückspiel für den TBV Lemgo bei den Holländern aus Volendam: Der TBV gewann mit 41:22 (23:9 ) in den Niederlanden. In Göppingen hat Frisch Auf die nächste Runde erreicht: Die Schweden von Alingsas HK verloren gegen Frisch Auf Göppingen das Hinspiel mit 25:33 (9:16), und auch in Göppingen hatten sie beim 26:38 (11:16) keine Chance.

Der VfL Gummersbach machte im Wettbewerb der Pokalsieger in zwei Spielen an einem Wochenende kurzen Prozess gegen KH Besa Famiglia (KOS): Am Sonnabend gewann der VfL in Kierpse mit 46:15 (22:8), das Rückspiel einen Tag später in der Eugen-Haas-Halle in Gummersbach mit 41:15 (20:6).

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 27.11.2010:

"Stolz auf meine Mannschaft"

30:30 - THW bog verloren geglaubtes Spiel bei den Löwen noch um - Ahlm mit Verdacht auf Mittelhandbruch
Mannheim. Mit einem 30:30 (14:17) bei den Rhein-Neckar Löwen hält der THW Kiel in der Vorrunde der Champions League weiter alle Trümpfe in der Hand, um am Ende die Gruppe A, die viele "Todesgruppe" nennen, als Erster abzuschließen. Es war ein Punktgewinn für die "Zebras", im wahrsten Wortsinn, holten sie gestern Abend in der Mannheimer SAP-Arena doch auch ohne die verletzten Marcus Ahlm und Christian Sprenger einen Fünf-Tore-Rückstand auf, bogen ein Spiel um, das schon verloren schien.

Der THW musste erneut auf Christian Zeitz verzichten. Der Heidelberger hatte am Morgen mittrainiert. Doch der linke Knöchel, in dem er sich vor drei Wochen ein Außenband gerissen hatte, wurde wieder dick. "Ich bin eben schon 30 Jahre alt", sagte Zeitz und grinste. Zu einem Zeitpunkt, als die Kieler ihren Humor noch nicht verloren hatten. Das sollte sich ändern.

In der Startformation fehlte allerdings nicht nur Zeitz. Trainer Alfred Gislason hatte auch mit dem angeschlagenen Filip Jicha und Marcus Ahlm jene auf die Bank gesetzt, die am Mittwoch beim Arbeitssieg gegen den SC Magdeburg (25:22) im Gespann mit Thierry Omeyer den Karren ins Ziel gezerrt hatten. So kam mit Milutin Dragicevic ein "Zebra" zum Einsatz, das im Schatten von Ahlm bislang wenig Licht gesehen hat. Ein Schachzug, der auch Löwen-Trainer Gudmundur Gudmundsson überrascht haben muss - Spielszenen mit Dragicevic dürften auch in seiner reich bestückten Videothek Mangelware sein.

Der Schock-Faktor hielt sich in Grenzen, die erste Viertelstunde gehörte den Löwen, die nach ihrer verpatzten Nord-Tournee einen neuen Anlauf nehmen wollten. In Flensburg, Hamburg und Kiel hatten sie knapp verloren, nun wieder Kiel. Der Hunger im Badischen ist groß, endlich einen Giganten zu kippen. 9:5 führten die Hausherren, als Gislason zur Auszeit bat. Aron Palmarsson, der das Spiel nicht in den Griff bekam, und Dragicevic hatten nun Pause. Auch Omeyer, der Löwen-Schreck vom Dienst, musste runter, für ihn kam Andreas Palicka. Der junge Schwede parierte stark, vorne drehte Jicha auf. Die Kieler Welt, sie schien wieder ins Lot zu geraten. Allerdings nur fünf Minuten lang, dann verließ Ahlm überraschend das Spielfeld, und an der Verzweiflungsgeste von Gislason war zu erkennen, dass der THW in dieser 20. Minute schon als Verlierer dieses sechsten Spieltages in der Champions League feststand. Mit Verdacht auf Mittelhandbruch musste der Kapitän das Feld räumen. Die linke Hand dick bandagiert, erlebte der Schwede, wie seine Kollegen noch enger zusammenrückten.

Als Christian Sprenger kurz darauf bei einer Rettungstat gegen Olafur Stefansson in die Bande knallte und verletzt vom Feld humpelte, meldete sich Tobias Reichmann wieder zurück. Er war vor der Pause auf seine linke Wurfhand gefallen, doch der Rechtsaußen hatte Glück. Sprenger nicht. Den linken Knöchel bandagiert, saß er nun neben Ahlm.

Mit fünf Toren lag der gerupfte THW (23:28/48.) zurück, an Aufgabe dachte aber keiner. Wie immer. Omeyer kehrte zurück, hielt einen Siebenmeter von Uwe Gensheimer - das Signal. Im Angriff versuchten die "Zebras", das Beste daraus zu machen, dass Dragicevic eine sehr unglückliche Figur abgab und immer wieder nach Lösungen ohne ihn suchten. Filip Jicha sprang in die Bresche, war der Motor der Kieler Aufholjagd. In der 60. Minute hatte auch Dragicevic seinen großen Auftritt - er traf im Fallen zum 30:30 und verdiente sich eine herzliche Umarmung von Gislason.

"Ich bin stolz auf meine Mannschaft", sagte ein sichtlich gezeichneter Trainer. "Sie hat großartig gekämpft." Dagegen stand Thorsten Storm der Frust ins Gesicht geschrieben. Der Löwen-Manager haderte mit den dänischen Unparteiischen, vermisste am Ende einen Heimvorteil. "Eigentlich ist es ein Punktgewinn, aber so wie wir gespielt haben, ein Punktverlust. Wir hatten das Spiel im Griff."

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 27.11.2010)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 29.11.2010:

Jicha: "Es war ein gelungener Abend"

Drei Fragen an Filip Jicha, stellvertretender Kapitän des Handballmeisters THW Kiel
Kieler Nachrichten:
In der Halbzeitpause war bereits klar, dass sich Marcus Ahlm schwer verletzt hat. Wie groß war der Schock?
Filip Jicha:
In erster Linie waren wir sauer auf uns, weil wir so schlecht gespielt haben. Es hilft nicht, sich zu viele Gedanken über eine solche Verletzung zu machen. Schließlich war klar, dass wir ohne ihn weiterspielen müssen. Auch Marcus hat gesagt, dass wir uns um uns kümmern sollen. Grundsätzlich ist sein Ausfall ein herber Verlust für uns. Aber Marcus hilft uns auch als Mensch weiter. Es ist wichtig, dass er mit auf der Bank sitzen wird und so auch Milutin Dragicevic Tipps geben kann.
Kieler Nachrichten:
Ihre Mannschaft lag zweimal mit fünf Toren zurück. Haben Sie stets daran geglaubt, das Spiel noch drehen zu können?
Filip Jicha:
Ja. Schließlich lagen wir immer wieder so weit zurück, weil wir schlecht gespielt haben. Es wäre etwas anderes, wenn wir super spielen und trotzdem einen Fünf-Tore-Rückstand haben. Wir wussten, dass wir mit drei starken Minuten alles wieder ausbügeln können. Und am Ende haben wir ja endlich einmal intelligent gespielt. So wollten wir seit 14 Tagen auftreten.
Kieler Nachrichten:
Wie bewerten Sie das Unentschieden?
Filip Jicha:
Auf jeden Fall nicht als Punktverlust. Wir haben den Löwen einen Punkt abgenommen und der Abstand zum Tabellenzweiten ist geblieben. Ich denke, es war ein gelungener Abend.
(Das Gespräch führte Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 29.11.2010)

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 29.11.2010:

CL-Splitter

  • Sigurdsson - Nach knapp zehnmonatiger Verletzungspause sollte Gudjon Valur Sigurdsson am Freitag gegen Kiel sein Comeback feiern. Doch der Löwen-Kapitän musste erneut passen. Angeblich war sein Name dem Kampfgericht zu spät gemeldet worden. Nun soll der Linksaußen am Mittwoch sein Saisondebüt geben.
  • Tabelle - Sollten Kiel und die Löwen am Ende die gleiche Punktzahl besitzen, liegen die "Zebras" vorne, weil sie den direkten Vergleich mit 3:1 Punkten gewonnen haben. Zumindest im Achtelfinale ist ein Wiedersehen der Bundesligisten, die sich in den vergangenen beiden Jahren in der K.o.-Runde der Champions League duellierten, ausgeschlossen. Gruppengegner, so das Regelwerk, können erst im Viertelfinale wieder aufeinander treffen.
  • Bilanz - Kiel ist und bleibt der Alptraum-Gegner der Löwen. Seit sich die SG Kronau/Östringen vor dreieinhalb Jahren umbenannte, verloren die Badener 13 von 15 Spielen gegen die "Zebras". Den bis dato einzigen Sieg verheimlichen auch die Löwen. Das gewonnene Champions-League-Halbfinale (31:30) im April 2009 hatte nach der historischen 23:37-Ohrfeige im Hinspiel keinen sportlichen Wert. Deshalb wäre ein "echter" Erfolg für das ehrgeizige Projekt "Rhein-Neckar Löwen" besonders wichtig gewesen.
(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 29.11.2010)


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