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22.02.2012 Bundesliga

42:0 Punkte: Kieler feiern Handballparty beim 33:25 gegen die Löwen

Bundesliga, 21. Spieltag: 22.02.2012, Mi., 19.30: THW Kiel - Rhein-Neckar Löwen: 33:25 (17:9)
Update #4 (Video-Update) Videos vom Spiel und der PK, KN-Bericht, weitere Stimmen, Fotos und Spielbericht ergänzt ...

Der überragende Filip Jicha feierte eines seiner zehn Tore.
Klicken Sie zum Vergrößern! Der überragende Filip Jicha feierte eines seiner zehn Tore.
Der THW Kiel hat mit einer Demonstration seiner Stärke die Punkte 41 und 42 in der TOYOTA Handball-Bundesliga eingefahren: Die wie entfesselt aufspielenden Zebras schlugen im Spitzenspiel des 21. Spieltages den Tabellenfünften Rhein-Neckar Löwen mit 33:25 (17:9). Das Ergebnis täuscht dabei sogar ein wenig über den Spielverlauf hinweg: Zwischenzeitlich hatte der THW mit elf Toren Vorsprung geführt, um dann gegen Ende mit Blick auf den anstehenden Champions-League-Kracher in Kopenhagen am Sonntag ein wenig das Tempo herauszunehmen. Währenddessen gaben 10.288 restlos begeistete Fans auf den Tribünen einen tollen Rahmen für die Kieler Handballparty gegen die Löwen. Aus einer geschlossenen Mannschaftsleistung ragte einer heraus: Filip Jicha erzielte in elf Versuchen zehn Tore und glänzte auch als Anspieler.
Den Mannheimern steckte eine stundenlange Anfahrt mit dem Mannschaftsbus in den Knochen. Der Streik auf dem Frankfurter Flughafen verhinderte die Anreise mit dem Flugzeug. Dafür konnte Löwen-Coach Gudmundur Gudmundsson in Kiel nahezu seinen kompletten Kader aufbieten. Auch Alfred Gislason konnte gegen den "Kiel-Schreck", der den Zebras die letzte Bundesliga-Heimniederlage zugefügt hatte, personell aus den Vollen schöpfen. Und auch die Kulisse war von Anfang an da - der Rahmen war eines Topspiels würdig.

Jicha und Omeyer stehlen Löwen die Show
Kein Durchkommen für Andy Schmid und die Löwen: Die bärenstarke Abwehr ließ in 30 Minuten nur neun Gegentore zu.
Klicken Sie zum Vergrößern! Kein Durchkommen für Andy Schmid und die Löwen: Die bärenstarke Abwehr ließ in 30 Minuten nur neun Gegentore zu.
Beide Mannschaften taten ihr Übriges, um auch auf der Platte für Kurzweil zu sorgen. Vor allem Filip Jicha schien richtig Lust auf ein Handballspektakel zu haben: Die ersten vier Kieler Tore erzielte der Weltklasse-Tscheche, machte so aus einem 1:2-Rückstand eine 4:2-Führung für den THW (6.). Doch die Löwen - in Person von Uwe Gensheimer - gaben sich so schnell nicht geschlagen. Der Linksaußen narrte ein ums andere Mal die offensive Deckung des THW. Der Nationalspieler war es auch, der mit einem Doppelschlag ausglich. Dann aber begann die große Thierry Omeyer-Show: Der Franzose trieb Rechtsaußen Ivan Cupic mit seinen Paraden beinahe in den Wahnsinn, und auch der Löwen-Rückraum fand in Omeyer seinen Meister. Nach einem Traumpass des starken Momir Ilic drehte Marcus Ahlm den Ball zum 5:4 an Stojanovic vorbei - bis zum Schluss sollten die Kieler die Führung nicht mehr abgeben. Christian Sprenger erhöhte mit einem Wurf ins lange Eck, und als Dominik Klein einen Gegenstoß zum 7:4 einnetzte (12.), schienen die Weichen für den THW-Express früh auf Sieg gestellt.

7:0-Lauf zur Vorentscheidung
Marcus Ahlm narrte Fritz im Löwen-Tor mit einem frechen Dreher.
Klicken Sie zum Vergrößern! Marcus Ahlm narrte Fritz im Löwen-Tor mit einem frechen Dreher.
Doch die Mannheimer kehrten noch einmal zurück: Mit ihrem schnellen Rückzugsverhalten verhinderten sie weitere Gegenstöße, Myrhol und Müller mit einem frechen Bodenroller erzielten den 6:7-Anschluss. Da waren 13 Minuten gespielt. Gislason reagierte, und zog seine Abwehr auf eine 6-0-Linie zurück. Damit hatten die Löwen offenbar nicht gerechnet. Extrem beweglich zwang die Kieler Defensive den wurfgewaltigen Rückraum der Löwen zu Verlegenheits-Abschlüssen, und Omeyer sammelte alles, was auf sein Tor kam, auf. Verantwortung übernahm bei den Löwen beinahe ausschließlich Karol Bielecki, der jedoch mit vier Würfen neben das Tor die Vorentscheidung für den THW mit einleitete. Denn nun drehte der THW Kiel endgültig auf: Die erste Überzahl, Roggisch hatte für zwei Minuten zusehen müssen, nutzten die Kieler zu einem 3:0-Zwischenspurt: Ilic traf sicher von der Siebenmeterlinie, kurz darauf bediente Kim Andersson den Serben mit einem Rückraum-Kempa-Anspiel, ehe der Schwede selbst humorlos das 10:6 erzielte. Doch auch damit gaben sich die Zebras nicht zufrieden: Als die Löwen wieder aufgefüllt hatten, ging die Abwehr-Angriffs-Lust in die nächste Runde: Jicha feuerte den Ball am inzwischen das Tor hütenden Henning Fritz vorbei ins lange Eck, mit seinem sechsten Tor legte der Tscheche kurz darauf das 13:6 nach, ehe Klein mit einem unglaublichen Heber noch das 14:6 erzielte (22.).

Acht-Tore-Führung zur Halbzeit
Zehn Minuten blieb die starke THW-Defensive in dieser Phase ohne Gegentreffer. Zehn Minuten, in denen die Kieler Beton-Abwehr den Gästen jegliches Selbstbewusstsein raubte. Und wenn Fritz sich nicht den Kieler Angriffen mit sechs Paraden vor der Pause in den Weg gestellt hätte, die Entscheidung wär noch in den ersten dreißig Minuten gefallen. So aber trafen Gensheimer und Lijewski in einer Phase, in der Gislason aufgrund der etwas zäher werdenden Angriffen sogar eine Auszeit nahm, zum 9:16 - ehe Ilic mit einem Siebenmeter zum Pausenstand traf. Etwas ungläubig schauten nicht nur die Zuschauer hoch zu den Anzeigetafeln unter dem Arena-Dach: Eine Kieler Acht-Tore-Führung zur Halbzeit hatten wohl die wenigsten von diesem Spitzenspiel erwartet - zumal Gislason schon in der ersten Halbzeit munter seinen Rückraum durchwechselte.

Gudmundssons Wechsel zünden nicht
Die Kieler schienen gegen die Mannheimer immer einen Tick schneller zu sein: Dominik Klein erzielt hier eines seiner drei Tore.
Klicken Sie zum Vergrößern! Die Kieler schienen gegen die Mannheimer immer einen Tick schneller zu sein: Dominik Klein erzielt hier eines seiner drei Tore.
Nach dem Wechsel kam Christian Zeitz für Andersson, doch die Bilder glichen denen vor dem Wechsel: Der THW spielte wie aus einem Guss, während den Löwen oftmals nur die Rolle des staunenden Beobachters zugewiesen wurde. So bei Jichas unglaublichem Anspiel auf Ahlm, der dieses zum 18:9 verwertete. Oder beim Tempogegenstoß des Tschechen, der kurz darauf die erste Zehn-Tore-Führung der Partie erzielte (33.). Auch Gudmundssons Wechsel - nach der Pause beorderte er Lund in die Deckung und Gunnarsson übernahm den Kreisläufer-Part von Myrhol - zeigten kaum Wirkung. Auch, weil Omeyer hinter einer bärenstarken Deckung kaum zu übwerwinden war. Und auch, weil die Löwen-Torhüter nicht mehr viel zu fassen bekamen. Dennoch: Auch dieser Gala-THW war nicht ohne Fehler. Kurze Unaufmerksamkeiten in der Abwehr nutzten Gensheimer und Schmid, um beim 14:22 das Ergebnis wieder etwas freundlicher zu gestalten. Dann drosch Narcisse eine Fackel in den Winkel, ehe Zeitz mit einem krachenden 101-km/h-Geschoss unter die Latte und über den verdutzten Fritz hinweg den nächsten Zwischenspurt einleitete: Von 24:16 (45.) zogen die Kieler mit einer von Narcisse eingenetzten "Schnellen Mitte", einem Sprenger-Gegenstoß nach einem "Monsterblock" gegen Bielecki und Jichas zehntem Tor - dieses erzielte er in Unterzahl - auf 28:17 davon.

Feiernde Fans
Ratlos: Löwen-Coach Gudmundur Gudmundsson und sein Assistend Tomas Svensson.
Klicken Sie zum Vergrößern! Ratlos: Löwen-Coach Gudmundur Gudmundsson und sein Assistend Tomas Svensson.
Dieses Tor war der Auftakt für eine gut 15 Minuten dauernde Party auf den Rängen: La Ola kreiste durch die Sparkassen-Arena, mit Gesängen feierten die restlos begeisterten Zuschauer eine überragende THW-Leistung. Das Geschehen auf der Platte rückte dabei fast in den Hintergrund, auch wenn weiter gezaubert wurde: Lundström erzielte ein Traumtor, bediente wenig später Ahlm mit einem tollen Anspiel aus dem Rückraum, Zeitz wackelte einen Drei-Mann-Block aus, und Omeyer erhielt bei seiner Auswechslung stehende Ovationen. "Oh wie ist das schön" - die Melodie mit Kieler Evergreen-Charakter, hallte durch das Rund, ehe es die Fans spätestens nach Reichmanns Kempa-Tor zum 32:22 (57.) von den Sitzen riss. Von der Resultats-Verbesserung der Löwen nahm da kaum noch jemand Notiz - doch immerhin hielten die Mannheimer am Ende den Rückstand in Grenzen. Die schwarz-weißen Anhänger aber feierten noch weit nach Schlusspfiff die Spieler ihrer Mannschaft, die mit dieser Leistung in einem Spitzenspiel erneut Maßstäbe gesetzt hatte.

Zwei Spiele mit K.o.-Charakter
Doch für ausschweifenden Jubel blieb den Zebras nicht viel Zeit. Direkt nach dem Spiel gegen die Löwen begann für die Kieler die Vorbereitung auf das Champions-League-"Finale" um den Gruppensieg am Sonntag in Kopenhagen. Während das Duell mit dem frischgebackenen dänischen Pokalsieger nur den Anschein eines K.o.-Spiels hat - beide Mannschaften sind schon für das Achtelfinale qualifiziert - geht es dann nicht einmal eineinhalb Tage später tatsächlich um alles: Bei der TSV Hannover-Burgdorf kämpfen die Zebras am Dienstagabend um die Teilnahme am DHB-Pokal-Final-Four. Aufregende Wochen stehen den Zebras ins Haus: In der Bundesliga geht es für den 42:0-Punkte-Tabellenführer aus Kiel erst am 4. März weiter. Den Weg zu diesem Auswärtsspiel kennen die THW-Spieler dann aus dem Effeff: Es geht wieder nach Hannover ...

(Christian Robohm)

Hier geht's zu weiteren Fotos vom Spiel...

Video-Spielbericht

 

Lesen Sie bitte auch


Stimmen zum Spiel:

THW-Trainer Alfred Gislason:
Ich bin sehr zufrieden, besonders mit der Leistung in der ersten Halbzeit. Da haben wir sehr, sehr gut gedeckt, und Titi war überragend im Tor. Auch vorne haben wir einen richtig guten Handball gespielt und viel Druck ausgeübt.

Die zweite Halbzeit war dann nicht mehr ganz so gut, auch weil die Rhein-Neckar Löwen besser ins Spiel kamen. Insgesamt haben wir heute aber ein sehr gutes Spiel gezeigt. Ich freue mich für die Jungs, das war ganz, ganz wichtig.

Löwen-Trainer Gudmundur Gudmundsson:
Glückwunsch an Kiel, der THW hat besser gespielt als wir und über die gesamte Spielzeit Gas gegeben. Der THW ist momentan in einer anderen Liga als fast alle anderen Mannschaften.

In der ersten Halbzeit haben wir mit 14 Fehlwürfen eine hohe Fehlerquote gehabt: Wir hatten gute Chancen, aber haben einfach nicht getroffen.

In der zweiten Halbzeit haben wir dann viel besser und auf einem normalen Niveau gespielt. Man konnte deutlich sehen, dass wir wenig Alternativen hatten und einige meiner Spieler sehr müde waren. Aber wir haben eine schwere Phase mit vielen verletzten Spielern und englischen Wochen hinter uns.

Löwen-Manager Thorsten Storm:
Es wäre schlimm, wenn man nur weil man verdientermaßen und vielleicht auch erwartungsgemäß ein Spiel in Kiel verloren hat, gleich seine Saisonziele ändert. Es ist ein Problem der gesamten Liga, dass Kiel im Moment so gut ist. Da muss man sich nicht schämen.

Ich hätte mir auf unserer Seite aber mehr Selbstvertrauen von Anfang an gewünscht, wir haben eigentlich erst mitgespielt, als das Spiel schon entschieden war. Da fehlte die Gier bei uns, Kiel war präsenter. Das liegt mit am Verletzungspech, dann sind wir noch mit dem Bus hierher gefahren. All das spielt da mit rein. Am Ende muss es doch aber Spaß machen, in dieser Halle zu spielen. Da hat man ja auch als Gastmannschaft nicht soviel zu verlieren.

Wir werden weiter um den dritten Platz kämpfen, auch wenn wir ein wenig weit weg davon sind. Wir stecken in allen Bereichen in einer schwierigen Situation und kämpfen an vielen Fronten. Das tun wir gern, wir werden neu angreifen im nächsten Jahr - mit einer neuen Philosophie und einer neuen Mannschaft.

THW-Geschäftsführer Klaus Elwardt:
Ein großes Kompliemtn an das Publikum, das sich heute auch in der Punktspielrunde so präsentiert hat, wie die Spieler und der Trainer sich das immer wünschen. Es war eine tolle Stimmung. Wir fahren nun mit viel Selbstvertrauen nach Kopenhagen und werden dort alles geben, um den Gruppensieg einzufahren. Unsere Fans werden uns zu hunderten nach Kopenhagen begleiten, wir freuen uns schon darauf, sie alle dort wieder zu treffen. Ich hoffe, wir werden einen Sieg von dort mit nach Hause bringen. Ich würde mich auch freuen, wenn uns viele unserer Fans im CinemaxX beim Public Viewing die Daumen drücken würden.
Ex-Löwen-Trainer Wolfgang Schwenke gegenüber den KN:
Ich habe heute zwei oder drei Löwen-Spieler gesehen, die sehr engagiert waren, der Rest war doch sehr leblos.
THW-Rechtsaußen Christian Sprenger gegenüber den KN:
Wir haben so weiter gemacht wie vor der EM. Es mag zwar nicht immer so ausgesehen haben, aber heute war das richtig harte Arbeit, mit einer super 6:0-Deckung haben wir das Spiel in den Griff bekommen. Kopenhagen kann jetzt kommen.
THW-Kreisläufer Daniel Kubes gegenüber den KN:
In der ersten Halbzeit sind wir volle Pulle gegangen, danach war ein wenig die Spannung raus. Ich hatte schon vorher zu meiner Frau gesagt, dass wir gewinnen werden. Die Mannschaft ist einfach sehr gut drauf, das macht einen Riesenspaß.
Löwen-Linksaußen Uwe Gensheimer gegenüber den KN:
Um in Kiel zu gewinnen, muss jeder im Team eine herausragende Leistung bringen, das war bei uns nicht der Fall.

Video: Stimmen der Beteiligten

Video: Die Pressekonferenz


21. Spieltag: 22.02.12, Mi., 19.30: THW Kiel - Rhein-Neckar Löwen: 33:25 (17:9)

Logo THW Kiel:
Omeyer (1.-52., 12 Paraden), Palicka (52.-60., 2 Paraden); Andersson (1), Lundström (1), Sprenger (2), Ahlm (3), Kubes, Reichmann (2), Zeitz (2), Palmarsson (1), Narcisse (2), Ilic (6/3), Klein (3), Jicha (10); Trainer: Gislason
Logo Rhein-Neckar Löwen:
Fritz (16.-42., 7 Paraden), Stojanovic (1.-16., 42.-60., 3 Paraden); Schmid (3), Gensheimer (8/2), Roggisch, Bielecki (3), Gunnarsson, Lund, Ruß, Müller (3), Myrhol (1), Lijewski (2), Groetzki (5), Cupic; Trainer: Gudmundsson
Schiedsrichter:
Lars Geipel / Marcus Helbig
Zeitstrafen:
THW: 2 (Ahlm (34.), Narcisse (45.));
RNL: 5 (2x Roggisch (14., 36.), Lund (34.), Müller (53.), Gensheimer (60.))
Siebenmeter:
THW: 4/3 (Ilic an die Latte (44.));
RNL: 2/2
Spielfilm:
1. Hz.: 1:0, 1:2 (4.), 4:2 (6.), 4:4, 7:4 (12.), 7:6 (13.), 14:6 (22.), 16:7 (25.), 16:9 (30.), 17:9;
2. Hz.: 19:9 (33.), 20:10, 21:13 (37.), 22:14, 23:15 (41.), 24:16, 26:16 (46.), 28:18 (48.), 29:20 (53.), 31:21 (55.), 32:22 (57.), 33:23 (59.), 33:25.
Zuschauer:
10.288 (ausverkauft) (Sparkassen-Arena, Kiel)
Spielgrafik:
Spielgrafik

 

Aus den Kieler Nachrichten vom 23.02.2012:

Zahnlose Löwen erleben in Kiel eine bittere Lehrstunde

33:25 - "Zebras" feierten den 21. Saisonsieg in Folge - Badener nur ein Sparringspartner
Kiel. Eigentlich sollte sich die Mannschaft der Rhein-Neckar Löwen erst am Saisonende in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Sechs Spieler aus dem Kader, der sich gestern in Kiel vorstellte, werden den Handball-Bundesligisten verlassen. Nach der 25:33 (9:17)-Niederlage beim Rekordmeister, die demütigende Phasen für die Badener besaß, wurde deutlich, dass der Auflösungsprozess schon längst begonnen hat.

Die traurige Vorstellung der Löwen soll die Leistung der Kieler nicht schmälern. Sie spielten sich in der ersten Halbzeit in einen Rausch. Sie haben ein gutes Gedächtnis, nicht vergessen, dass die Mannheimer es waren, die als letzte deutsche Mannschaft ihre Festung gestürmt hatten. Mit 33:31. Am 6. April 2011. Eine solche Vergangenheit eines Gastes löst in ihnen in der Regel eine zusätzliche Energiestufe aus. Gestern gab es keine Ausnahme dieser Regel.

Die Abwehr stand sicher, Thierry Omeyer entpuppte sich als der erwartete Löwen-Schreck, und im Angriff zeigte der zehnfache Torschütze Filip Jicha sofort, welche Geschichte dieser 22. Februar 2012 schreiben würde. Der Tscheche warf die ersten vier Tore und gönnte sich nach sieben Minuten die erste Pause. Für ihn kam Momir Ilic, und der Serbe fügte sich nahtlos ein. Die Kieler rotierten munter, zeigten sich alle auf dem gleichen Niveau und bewegten sich damit zwei Ligen über den Löwen, die in dieser Saison immerhin Meister HSV Hamburg besiegt hatten.

Die Vorentscheidung fiel nach einer Viertelstunde, als Karol Bielecki bei einer 10:6-Führung der Kieler erstmals das Tor verfehlte. Sehr deutlich sogar. Vielleicht, so eine mögliche Erklärung für seinen unglücklichen Auftritt, hatte der Pole zuvor einen Spezialvertrag mit einem der Sponsoren abgeschlossen, der sein Logo direkt neben dem rechten Pfosten präsentierte. Der 2,02-Meter-Riese ist einer, der an einem guten Tag von keiner Abwehr zu stoppen ist. Und das, obwohl er auf einem Auge erblindet ist. Geht es gegen Kiel, versagen ihm aber oft die Nerven. Genauer, geht es gegen Omeyer, dann ist das Zittern seiner rechten Hand bis unter das Hallendach zu spüren. Bielecki erneut in die Bande, Ilic und Jicha zum 12:6, Bielecki in die Bande, Jicha zum 13:6, Bielecki in die Bande, Dominik Klein und Aron Palmarsson mit den THW-Toren 15 und 16 - Bielecki über das Tor.

Ohne Zarko Sesum, dem vor dem EM-Halbfinale ein Münzwurf eines serbischen Landsmannes ein Auge lädiert hatte, fehlten die Alternativen, um Bielecki aus seinem Strudel zu erlösen. Als der Pole schließlich traf, führte Kiel 26:17 (46.). Die Zuschauer hatten längst Mitleid mit der tragischen Figur in Gelb und spendeten artig Applaus. An Bielecki allein lässt sich die Demütigung dieser mit Weltklasse-Leuten besetzten Mannschaft aber nicht erklären. Viele wirkten seltsam leblos. Einer wie Börge Lund, der noch auf der Bank schmunzelte, obwohl die Seinen vorgeführt wurden. Ein Henning Fritz, der nahezu apathisch die Bälle aus dem Netz fischte. Keine Spur von jener Aura, die ihn einst in Kiel zum besten Torhüter der Welt werden ließ.

Was für ein trauriger Ausflug für die Löwen. Sie waren mit dem Bus gekommen, weil der Streik am Frankfurter Flughafen die leichte Variante unmöglich gemacht hatte. In ihrem Kieler Hotel fiel stundenlang der Strom aus, so dass gestern bei Kerzenschein gefrühstückt werden musste. Was bei Liebespaaren dazu führt, eine Einheit zu werden, hat bei Löwen offenbar gegenteilige Wirkung.

Als die Kieler zu Beginn der zweiten Halbzeit auf zehn Tore enteilt waren, schalteten sie den Turbo ab. Es fehlte schlicht die Reibung, die Sportler benötigen, um das Letzte aus sich herauszuholen. Der Gegner war namhaft, in seiner Gesamtheit aber kein Gegner. Die Partie plätscherte ins Ziel, doch auf den Rängen wurde trotzdem gefeiert. Die Zuschauer sangen Klassiker wie "Deutscher Meister wird nur der THW". Ein Lied, das eine Weile im Archiv schlummern musste, weil zuletzt die Hamburger einmal den Ton angeben durften.

Die letzten Minuten erlebte Alfred Gislason im Sitzen. Er dachte wohl, dass er sich nun ein Päuschen gönnen könne. Nach der ganzen Rennerei an der Seitenlinie ein wenig entspannen. Ein Irrtum. Hallensprecher Rolf Körting war der Meinung, dass auch er eine Scheibe vom Kuchen naschen sollte, und bedankte sich beim Trainer für die außergewöhnliche Klasse seiner Mannschaft. Wer in der ersten Reihe saß, konnte sehen, dass auch coole Isländer eine zweite Gesichtsfarbe besitzen.

(von Wolf Paarmann, aus den Kieler Nachrichten vom 23.02.2012)


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